Empfang Gottes. - Und er gedachte Anton Bruckners, der es geliebthabe, sich an der Orgel oder am Klavier durch das einfache Anein-anderreihen von Dreiklängen zu erquicken. "Gibt es denn etwasInnigeres, Herrlicheres", habe er gerufen, "als eine solche Fol-ge blosser Dreiklänge? Ist es nicht wie ein reinigendes Seelen-bad?" - Auch dieses Wort, meinte Kretzschmar, sei ein denkwürdi-ger Beleg für die Neigung der Musik ins Elementare zurückzutau-chen und sich selbst in ihren Grundanfängen zu bewundern.
Er ging weiter. Er sprach von den vor-kulturellen Zustän-den der Musik, als noch der Gesang ein Heulen über mehrereTonstufen weg gewesen seij von der Geburt des Tonsystems ausdem Chaos unnormierter Laute und von der monodischen Abge-schlossenheit des Tones, wie sie in der abendländischen Musikwährend des ersten christlichen Jahrtausends durchaus noch ge-herrscht habe; einer Einsinnigkeit, Einstimmigkeit, von derunser harmonisch erzogenes Ohr sich gar keine Vorstellungmehr mache, da wir unwillkürlich mit jedem vernommenen Toneine Harmonie verbänden, da doch damals ein solcher der Har-monie weder bedurft habe, noch ihrer fähig gewesen sei. Zu-dem habe in jener Frühzeit der musikalische Vortrag sich einestaktmässig und periodisch gegliederten Rhythmus so gut wiegänzlich entschlagen; die alte Tonschrift zeig-&. entschiedeneGleichgültigkeit gegen diese Bindungen und lasse erkennen, dassder Musikübung vielmehr etwas frei Rezitierendes, Improvisato-risches eigen gewesen sein müsse. Beobachte man aber die Mu-sik, und gerade auf ihrer letzterreichten Entwicklungsstufe,genau, so merke man ihr die heimliche Lust an, in diese Zu-stände zurückzukehren, Ja, rief der Vortragende, es liegeim Wesen dieser seltsamen Kunst, dass sie jeden Augenblick im-stande sei, von vorn zu beginnen, aus dem Nichts, bar jederKenntnis ihrer schon durchlaufenen Kulturgeschichte, des durchdie Jahrhunderte Errungenen, sich neu zu entdecken und wiederzu erzeugen. Dabei durchlaufe sie dann dieselben Primitiv-