Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
44
Einzelbild herunterladen
 

der Stunden des Schreibens - beherrscht. Ich arbeite jetztdoch schon eine Reihe von Tagen an diesen Blättern, aber dassich meine Sätze im Gleichgewicht zu halten und meinen Gedankeneinen geziemenden Ausdruck zu finden suche, möge den lesernicht darüber täuschen, dass ich mich in einem Zustande dauern-der Aufregung befinde, die sich sogar in einem Zittern meinergewöhnlich noch durchaus festen Handschrift äussert. Übrigensglaube ich nicht nur, dass, die mich lesen, diese seelische Er-schütterung mit der Zeit begreifen werden, sondern auch, dasssie ihnen selbst auf die Bauer nicht fremd bleiben wird.

Zu erwähnen vergass ich, dass es auf dem Hofe der Schweige-stills, Adrians späterem Aufenthaltsort, gewiss nicht überra-schenderweise, auch eine Stallmagd mit Waberbusen und ewig mi-stigen Barfüssen gab, die der Hanne von Buchei so ähnlich sah,wie eben eine Stallmagd der andern ähnlich sieht, und die imWiederholungsfälle Waltpurgis hiess. Nicht von ihr spreche ichhier, sondern von ihrem Urbilde Hanne, mit der der kleine A-drian darum auf freundschaftlichem Busse stand, weil sie zusingen liebte und mit uns Kindern kleine Gesangsübungen zu ver-anstalten pflegte. Eigentümlich genug: wessen die schönstim-mige Elsbeth Leverkühn aus einer Art von Keuschheit sich ent-hielt, damit ging dieses tierisch duftende Geschöpf höchstfrei heraus und sang uns, zwar mit plärrender Stimme, aber gu-tem Gehör, abends auf der Bank unter der Linde allerlei Volks-,Soldaten- und auch Gassenlieder, meist gefühlstriefenden odergrausigen Charakters vor, deren Worte und Melodien wir unsbald zu eigen machten. Sangen wir dann mit, so fiel sie indie Terz, aus der sie, wie es sich traf, in die Unterquintund Untersext sprang, und überliess uns die Oberstimme, indemsie sehr ostentativ und ohrenfällig die zweite behauptete.

Dabei pflegte sie, wahrscheinlich um uns zur rechten Würdigungdes harmonischen Vergnügens aufzufordern, ganz ähnlich lachenddas Gesicht in die Breite zu ziehen, wie Suso, wenn man ihm