Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
14
Einzelbild herunterladen
 

h

Akzent verleihen, der sie ihrem alltäglichen Sinn völlig ent-fremdet und ihnen einen Schreckensnimbus verleiht, den niemandversteht, der sie nicht in ihrer fürchterlichsten Bedeutungkennengelernt hat.

II

Mein Name ist Dr. phil. Serenus Zeitblom. Ich selbst beanstan-de die sonderbare Verzögerung dieser Kartenabgabe, aber, wie essich trifft und fügt, der literarische Gang meiner Mitteilungenwollte mich bis zu diesem Augenblick immer nicht dazu kommenlassen. Mein Alter ist 60 Jahre, denn A.D. 1883 wurde ich, alsältestes von vier Geschwistern, zu Kaisersäschern an der Saale,Regierungsbezirk Merseburg, geboren, derselben Stadt, in derauch leverkühn seine gesamte Schülerzeit verbrachte, weshalbich ihre nähere Kennzeichnung vertagen kann, bis ich zu derenBeschreibung komme. Da überhaupt mein persönlicher Lebensgangsich mit dem des Meisters vielfach verschränkt, so wird es gutsein, von beiden im Zusammenhang zu berichten, um nicht demFehler des Vorgreifens zu verfallen, zu welchem man, wenn dasHerz voll ist, ohne dies immer neigt.

Nur soviel sei hier angegeben, dass es die massige Höhe ei-nes halbgelehrten Mittelstandes war, auf der ich zur Welt kam,denn mein Vater, Wolgemut Zeitblom, war Apotheker, - übrigensder bedeutendste am Platze: es gab noch ein zweites pharmazeu-tisches Geschäft in Kaisersäschern, das sich aber niemals desgleichen öffentlichen Vertrauens erfreute wie die ZeitblomscheApotheke "Zu den Seligen Boten" und jederzeit einen schwerenStand gegen sie hatte. Unsere Familie zählte zu der kleinenkatholischen Gemeinde der Stadt, deren Bevölkerungsmehrheit na-türlich dem lutherischen Bekenntnis angehörte, und namentlich

14