mäß; es festzustellen und auszusprechen war bereitsgewagt und wunderlich; aber zu sagen: „Ich bintraurig/ wäre direkt unmöglich gewesen.
Baronin Anna war in so großer Einsamkeit undStille aufgewachsen, auf ihres Vaters Gut am Meere,daß sie noch immer allzusehr geneigt war, solcheWahrheiten außer acht zu lassen, obgleich sie sich da-vor fürchtete, die Leute zu befremden, und sehnlichwünschte, ganz ebenso zu sein wie die anderen, da-mit man sie ein wenig liebte... Sie hatte blasseHände und aschblondes Haar, das viel zu schwer warim Verhältnis zu ihrem schmalen, zartknochigen Ge-sichtchen. Zwischen ihren Hellen Brauen stand einesenkrechte Falte, die ihrem Lächeln etwas Bedrängtesund Wundes gab...
Es stand so mit ihr, daß sie ihren Gatten liebte ...Niemand soll lachen! Sie liebte ihn sogar noch umder Geschichte mit den Semmeln willen, liebte ihnfeig und elend, obgleich er sie betrog und täglich ihrHerz mißhandelte wie ein Knabe, litt Liebe um ihnwie ein Weib, das seine eigene Zartheit und Schwächeverachtet und weiß, daß die Kraft und das starkeGlück auf Erden im Rechte sind. Ja, sie gab sich dieserLiebe und ihren Qualen hin, wie sie damals, als erin einem kurzen Anfall von Zärtlichkeit um sie ge-
77