Druckschrift 
18 (1835) Reußen bis Rzewuski
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

Revolution, französische

einen Theil der niederen Geistlichkeit, wel-che bei ihren ungeheuren Schätzen» die ih-nen au« reichem Länderbesitz und den Zehn-ten des ganzen Reichs erwuchsen, dem Staategeringfügige freiwillige Geschenke statt re-gelmäßiger Steuern Hingaben und den Restwie der hohe Adel verpraßten. Zu diesenUebeln gesellten sich noch andere Mängelder Staatsverwaltung, deren einige ihrenGrund in der Finanzverwirrung hatten,andere aber in Verkehrtheit der Regierungihre Ursache fanden. An diese materiellen Ge-brechen des Staats schlossen sich noch man-nigfache anderer Art an, unter denen dieSpaltung des Adels und der Geistlichkeitunter sich, und der wachsende Haß des 3.Standes gegen beide das furchtbarste undtraurigste war. Denn dem Hofadel, derdurch Ränke und Kabalen jeder Art fastalle höchsten Staatsbedienungen an sich ge-rissen halte, trat der Dienstadel in dessenbeinah erblichem Besitze sich sämmtliche Par-lamentsstellen befanden, »m so schrofferentgegen, jemehr er sich überall von ihmverachtet und verhöhnt sah, und auf beideblickte der verarmte Landadel in den Pro.vinzcn mit verhaltenem Zorn und Neid.Nicht besser stand es um die Geistlichkeit,indem der hohe Klerus, die sogenanntenpolitischen Bischöfe, nach denen leider sichim Volke und in der Hauptstadt das Ur-theil über Geistlichkeit und Kirche bildenmußte, Schmeichler des HofcS durch di«vom Könige allein abhängige Vergebungder höchsten Stellen, ihre reichen Pfründenin Paris verzehrten, und sich den Haß undNeid ihrer bei weitem ärmeren, niederenGeistlichkeit im höchsten Grade zuzogen.Landadel und Klerus, standen aber nochweit schroffer dem dritten Stande derBürger gegenüber, den man bei seinerdurch Herkommen und Gesetz an sich schontiefgedrückten Sage noch durch gehässigesGeltcndmachen von Vorrechlen auf da« äu-ßerste reizte. Die'e Erbitterung ward umso größer, da seit Ludwig XIV. und des-sen Nachfolgern die Formen der Gesellschaftsich freier entwickelt hatten, der Unter-schied der Stände eher verwischt als befe-stigt worden, und aus dem dritten Standeselbst eine Bildung emporgeblüht war, dieihn berechtigte auch für sich alle Vorzügeder bürgerlichen Gesellschaft anzusprechen,jemehr er zu bemerken glaubte an welchenGebrechen da« Vaterland litt. Die Keimezu dieser Bildung hatte Ludwig XIV- schongelegt, mehr aus Eitelkeit als aus höheremTriebe, und die Zeit hatte sie gereift. Ne-ben den schönen Künsten trat nach u. nachdie Philosophie hervor, deren Materialist«,sche Anschauung endlich so tiefen Einflußauf die R. gewann. In der Mitte des 18.Jahrhunderts schrieb Montesquieu (s. d.)sein berühmtes Buch: I'eexrir äe» loi»,

Revolution, französische 7

dessen tiefsinnige Anschauung der Dinge an-dere Gemüther vielfach entzündete; spätertraten die beiden großen Schulen der En-cyklopädisten und Oekonomisten (s. b.) auf,deren kühne Häupter Diderot u. der Dot-ier Quesnay (s.b.) einen untilgbaren Ein-fluß auf das Volk und namentlich auf Pa-ris, dem späteren Hauptsitze der materia-listischen Staats - und Religionsanschauunggewannen. Mehr aber noch als diese Schu-len wirkten L Männer auf das Volk, dieeinander zwar feindlich entgegenstanden,doch aber für dieselbe Sache, wenn gleichmit verschiedenen Waffen und Absichtenfochten, Voltaire und I. I. Rousseau(s. b.). Das berühmte Werk de« letzte-ren: le oonrrar begeisterte die

edleren Revolutionshäupter, während diezahlreichen Schriften der ersteren jene un»bcilsvolle Richtung, welche bald diefranzösische StaatSumwälzung nahm, be-günstigten. In solche geistig und äußerlichaufgeregte Zeit siel der RegierungsantrittLudwig XVI- (s. d. L7), dessen Tugenden,Kenntnisse und Willen ihn des Thrones sowürdig machten, während sein Mißtrauengegen sich, seine Schwäche gegen andere, derdaraus entstehende Widerspruch und da«beständige Schwanken in seinen Maßregeln,so wie deren Halbheit» ihm Thron undLeben kosteten. Sehr viel trugen dazuauch seine nächste» Umgebungen, sein Hof,seine Minister und vielfach di« Königin,Maria (s. d. 43) Antoinette selbst bei.Diese Frau, schön u. geistreich, wie ihre un-sterbliche Mutter, Maria (s. d. 8L) The-resia, brachte teutsche Begriffe nach Frank-reich, ward die erklärte Schützerin der Be-vorrechteten u. arbeitete beständig allen denMaßregeln entgegen, weicht dem Königevon Männern vorgeschlagen oder zur Aus-führung gebracht wurden, deren Gesinnungnicht rein aristokratisch war. Gemäßigterund darum weniger gehaßt, war des Kö-nigs ältester Bruder, der Graf von Pro-vence (s. Ludwig LS), wogegen der jün-gere, Graf von Artois (s. Karl so),durch seine ungemeffene Verschwendungden Parisern viel Stoff zum Hasse gab.Neben allen diesen, und sehr bald ihnengegenüber, stand Philipp, Herzog von Or-leans (s. d. 5) , gefährlich durch seinegroßen Rcichthümer, seinen Ehrgeiz,seine Nichtswürdigkeit und sein Rachgefühl,da« er besonders an der Königin auszulas-sen strebte, welche ihn persönlich beleidigthatte, und der keine Mittel scheute, sich aufden Thron zu heben, und daher bei allenspäteren Revolutionsgräueln die thätigsteHand im Spiele hatte. Kurz nach Lud-wigs Thronbesteigung entspann sich auchder nordamerikanische Freiheitskrieg (s. d.),an welchem Frankreich, trotz der erschöpftenFinanzen, Antheil uahm, und der später

so