Erstes Kapitel. Allgemeine Regeln der Komposilirm
97
eine vor allem heilsame Hebung. Je eingehender undschärfer jemand über sein Thema nachgedacht hat, desto mehrwird bündige Kürze und Klarheit seine Arbeit kennzeichnen.
289. Welche Vorsicht ist indes hierbei sestzuhalten?
Daß auch unsere Selbstkritik zwar sorgsam und streng,aber nicht ungerecht sei.
290. An welche Ungerechtigkeit ist hierbei zu denken?
Nicht an die Ungerechtigkeit der zu großen Strenge, denn
die haben wir uns selbst gegenüber wohl kaum zu fürchten,sondern an die Ungerechtigkeit, welche daraus hervorgeht,daß unser vor uns liegendes Werk nun, da es fertig ist, demBilde nicht entspricht, welches wir uns im voraus davonentworfen hatten.
Wir müssen uns hierbei an die bekannte Erfahrung erinnern,daß ein eben vollendeter Aufsatz dem von der Arbeit ermüdetenVerfasser gegenüber oft eine ungerechte Selbstkritik findet, derenGrund eben nur in der Ermüdung und in deni Ueberdrusse an derso oft zur Haild genommenen Sache zu suchen ist. (Siehe dieachte Regel.)
k) Sechste Kegel.
291. Wie kantet die sechste allgemeine Kompositionsregel?
„Hast du im Fortgange der Ausarbeitung eines schrift-lichen Aufsatzes abbrechen müssen, so lies, bevor du vonneuem anfängst, den letzten Abschnitt bis zu dem Punkte,wo du abbrachst, dir selbst vor!"
292. Welchen Grund hat diese Regel?
Ein Aufsatz soll nicht allein durch seinen Inhalt, sondernauch in seiner Form ein Ganzes sein, also auch den Charakterseines Stils stetig festhalten. Nun ist aber der Charakterdes Stils zugleich von der Stimmung abhängig, in welcherder Verfasser schrieb, und in diese kann er sich, wo er ab-brach, nur dadurch zurückversetzen, daß er das Geschriebene,wenn auch nicht alles, so doch teilweise, sich selbst wiederumlaut vorliest.
Michelsen, LtiUstik. 3. Aufl.
7