Baukunst 113
sanier Geschmacks- und Sinnesrichtung, angewandt wurden. Eine hoher organische Durch-bildung fand jedoch in der arab. Baukunst nirgend statt. Die vorzüglichsten Denkmale der-selben, von denen wir eine nähere Kunde haben, gehören auf der einen Seite Spanien an,wo die alterthümliche Moschee von Cordova und der reizvolle Königspalast der Alhambrabei Granada die Bewunderung der Reisenden ausmachen; auf der andern Seite Persien unddem ind. Gangcslande, wo die glanzvollsten Denkmale aus den Zeiten der Sosi-Dynastieund der Großmoguls sich bis aus unsere Zeit erhalten haben. Eine neue Entwickelung deroccidental. Baukunst begann im 1«. Jahrh.; der eigenthümliche Baustil, der in dieser Zeitsich auszubilden anfing, ist am paßlichsten mit dem Namen des romanisch enzu bezeichnen,denn die gewöhnliche Benennung desselben als byzantinischer Baustil ist insofern unzulässig,als der letztere seine selbständig abgeschlossene Bedeutung hatte und der in Rede stehende keines-wegs als eine Nachahmung desselben gelten konnte, auch ebenso wenig unter seinem überwiegen-den Einflüsse stand. Neben die Elemente deraltchristlichen Baustile trat nun eine eigenthüm-liche, aus dem german. Volksgeiste entsprungene Behandlung der Formen, doch so, daß jene im-mer noch die charakteristische Grundlage bildeten. In einzelnen Fällen wurden auch arab. For-men ausgenommen. Die Basilika erschien zunächst noch als dicGrundform der architektonischenAnlage; aber sie entwickelte sich durch die Einführung des Gewölbes und durch die Gliederungdes architektonischen Ganzen für die Zwecke des Gewölbes zu einem wesentlich Neuen; hierzuerst, nach jenen noch immer rohen byzantin. Anfängen, trat in der Geschichte der Baukunstdas Gewölbe in seiner ganzen charakteristisch bestimmenden Bedeutsamkeit auf. Die roman.Baukunst dauerte in den verschiedenen christlichen Ländern des europ. Occidents bis zumSchlüsse des 12. und bis zum Anfänge des 13. Jahrh.; ihr Charakter ist im Allgemeinender eines ruhigen Ernstes, zu Anfang streng und herb, dann immer klarer entwickelt, zumSchluß mehrfach auf sehr anmuthige und edle Weise ausgcbildet. Die Glanzpunkte desStils sind Toscana, die Normandie und in Deutschland die sächs.-thucing. Gegenden.
Wiederum eine neue Entwickelung der Baukunst begann mit der später» Zeit des 12-Jahrh. In dieser Periode trat der sogenannte gothische oder germanische Baustil insLeben. Der Name gothisch, der von den modern-ital. Ästhetikern aufgebracht ward, soll so vielals barbarisch bedeuten; er diente ursprünglich zur Bezeichnung der gesammten mittelalter-lichen Architektur, in der jene faden und selbstzufriedenen Theorien nur eine Barbarei er-kannten, und wurde später auf die in Rede stehende Periode, als den angeblichen Gipfel desUngeschmacks, eingeschränkt. Der goth. Baustil verdankt seine Entstehung zunächst demunmittelbaren Einflüsse des oriental. Elements, namentlich dem Umstande, daß man denarab. Spitzbogen auf konsequente, aber zunächst nicht organische Weise mit dem Säulenbauder altchristlichen Basilika verbunden hatte. In solcher Art, halb christlich, halb arabisch, er-scheinen die sicil.-normann. Bauten des I I. und 12. Jahrh. Im nördlichen Frankreich nahmman zuerst, wie es scheint, diese Formcnverbindung auf und gab ihr durch Hinzusügung desschon organisirten Gewölbes eine höhere Bedeutung und größere Entwickelungsfähigkeit.Damit war aber zugleich eilte ganz neue Bahn, welche dem schwärmerischen Drange der Zeitaufs Angemessenste entgegenkam, eröffnet. Die Säule und der Spitzbogen stiegen lebhafterempor, als der Pfeiler und der ruhige Halbkreisbogen des romanischen Baustils; die Säulegestattete eine mehr organische Gliederung, die mit den Formen des Gewölbes in die ange-messenste Harmonie trat; dadurch wurden die Formen zugleich leichter; man beseitigte mehrund mehr die Schwere der Mauermasse, führte den Organismus des Innern auf dasAußere hinüber und brachte es endlich dahin, ein bis in seine letzten Spitzen und Ausläuferbelebtes und beseeltes Ganze darzustellen. Bei solcher Behandlungsweise wurden in raschemFortschritt die Reminiscenzen der antiken Baukunst abgeworsen; Alles bis in die geringstenEinzelheiten hinab erscheint als Erzeugniß eines gemeinsamen, in höchster Gesetzlichkeit durch-waltenden Gefühls. Die Meisterwerke der gothischcn Baukunst sind überhaupt die tiefsin-nigsten Lösungen des Problems der Architektur, soweit diese Kunst bis jetzt von den Menschenzur Ausübung gebracht ist. Ihr Beginn gehört Frankreich an; die dortigen Denkmale diesesStils bewahren aber fast durchgehend jenen primitiven Charakter; ähnlich, obgleich nach einerandern Richtung hin, die Denkmale Englands. Die reinste und vollkommenste Ausbil-dung des Stils findet sich in Deutschland, und hier erscheint der Dom von Köln vor Allem