26 HI. Lebensarbeit.
Der neue Kantonsschullehrer fühlte sich bald heimisch in St. Gallen, da es ihm anfreundschaftlicher Beratung nicht gebrach. Er suchte den Anforderungen, die die Schuleauf verschiedenen, seinen bisherigen Studien zum Teil fremden Gebieten an ihn stellte,mit energischem Einsatz seiner jugendlichen Kraft gerecht zu werden. Er lernte in einzelnenDisziplinen frisch vorweg, was er zu lehren hatte; die kleinen Kangen hielt er mit fester,wohl auch derber Hand im Zaum;- den grössern Schülern, „mit denen man ein vernünftiges"Wort sprechen kann", imponierte er durch Gelehrsamkeit und anregenden Unterricht. EinenMonat nach seinem Antritt berichtete er seiner nach Neuigkeiten verlangenden Mutter infast übermütiger Laune, er habe es mit etwa 150 jungen Leuten zu tun, „darunter einemaus Uhwiesen 1 ); die meisten sind aber aus der Stadt St. Gallen und haben entweder schwarzeoder braune, oder blonde oder rote Haare. Ihre Väter sind entweder Landammänner oderPfarrer oder Bierbrauer oder Schneider und Handschuhmacher; sie werden eingeteilt nachdem Grade der Faulheit und haben es einige darin zu grosser Vehemenz gebracht." Vonseinen Kollegen, „d. h. verdolmetscht Mitschulmeistern", konnte er vorerst nur melden, dasseinige von ihnen regelmässig des Abends in einem Bierlokal zu treffen seien; von HerrnTschudi, den er einmal besuchte, dass er sich mit ihm nicht gut unterhalten habe, undvon der Lesegesellschaft zum „Trischli", dass sie weniger koste, als das „Museum", aberdafür um so gemütlicher erscheine. Endlich rühmte er seinen Freund Ratschreiber, der alt-deutsch oder griechisch mit ihm lese, und seine „Philisterin", Frau Bürke im Karlshof, dieihn mit guter Hausmannskost versorge, an der auch kein Nadelknopf zu viel sei.
Er hatte aber als pädagogischer Neuling docli einige Mühe, sich in den täglichenZwang eines programmmässigen Unterrichts zu fügen, und die Schulverhältnisse entsprachenauch nicht völlig seinen Wünschen. Die obersten Klassen des Gymnasiums, mit denen er amliebsten und sicher auch am erfolgreichsten gearbeitet hätte, waren ihm damals, bis zumRücktritt eines altern Lehrers, Gustav Scherrer, noch nicht übertragen. In den technischenKlassen fühlte er sich durch die unpraktischen Vorschriften über den deutschen Unterrichtgehemmt, und die Behörde konnte sich nicht entschliessen, in seine Reformvorschläge —Nibelungenlied, statt Poetik und trockener Literaturgeschichte — einzutreten. Trotzdembestand er die Probe des ersten Jahres glücklich. Sein Gönner Tschudi bemerkte ihmnach den Prüfungen in einer vertraulichen Zuschrift, es habe ihn in der Seele gefreut, inder Überzeugung bestärkt zu werden, dass er im ganzen seine Stelle vollkommen auszufüllenfähig sei und mit gutem Erfolge und guter Methode gelehrt habe.
Der Boden war gelegt, und der angehende Lehrer konnte um so ruhiger weiter bauen,als sich die Lage der Kantonsschule infolge der gegen das Ende des Jahres 1861 eingeführtenneuen Verfassung wesentlich befestigte. Bei dem hochgehenden Parteigetriebe war derFortbestand der Anstalt eine Zeit lang auf dem Spiele gewesen; nun musste er nicht mehrbefürchten, von einem Tag zum andern als ein Opfer politischer Wandlungen und Intriguenweggedrängt zu werden.
In dieser Lage fassfce er den raschen Entschluss zur Gründung eines eigenen Haus-standes. Seine herzensgute Mutter, die den Beginn seiner Tätigkeit in St. Gallon mit innigerFreude und hingebender Sorge begleitet hatte, war im August 1860 gestorben. Nun fühlteer sich vereinsamt, und unvermerkt erlauschte Gott Amor den Moment, um sein Herz ge-
') Emil Egli, jetzt Professor der Kirchengeschichte an der Universität Zürich.