Druckschrift 
Zweite Abtheilung. Neun und zwanzigster und letzter Band (1806)
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

l6

Tencin.

der großen Welt und den Vergnügungen, woran er selbst gr<hörig Theil nahm, in der Provinz und selbst in Paris ohneAblegung ihres Standes, erhielt: sie machte sogar durch ih«ren Geist und ihre Abentheuer unter dem Namen der Ne li«gicuse Tencin sehr viel Aufschn.

Der Bruder und die Schwester, die immer zusammenlebten, wußten «L zu machen, daß niemand den Abbe' wegendieses hcrnmschweisenden und unordentlichen Lebens einer Non«ne, die sogar ihr Klosterhabit aus eigner Macht abgelegt hat«te, angi iff. Man könnte ein Buch von diesem Paare schrei«den, welches stets thätig war, durch die Annehmlichkeiten undKünste ihres Geistes sich Freunde zu machen.

Kegen das Ende des Königs erhielt sie von Rom die Er«laubniß, ihren Stand zu ändern, und Chanvnissi», ich weißnicht wo, zu werben, wohin sie aber niemals gegangen ist.Kurz darauf wurde sie die Geliebte des Abbe Dübois, undwußte sich bald zu seiner Vertrauten zu machen, und in De«sitz seiner Plaue und meisten Geheimnisse zu setzen. Ihr Ver«hältniß war lange ein Geheimniß, so lange als Dübois nochBehutsamkeit für sein« Lage nöthig hatte.

Aber sobald er Bischofs, und noch mehr als er Cardinal'war, wurde sie erklärte Maitresse, die ganz bei ihm herrschte,ihren Hof hielt, und die Quelle der Gnade und des Glückswar. Sie war es also, die das Glück ihres vielgeliebtenBruders stiftete: fle machte ihren damals noch geheimen Ge«liebten mit ihm bekannt, und dieser fand in ihm bald denMann, der ganz dazu gemacht war, ihn in seinen Planen zn'unterstützen.

Der Abbe' Tencin hatte einen unternehmenden kühnenGeist, der ihm den Schein eines großen männlichen Charak«lers gab; seine Geduld war unermüdlich; er arbeitete stets aufden Vorgesetzten Zweck los, ohne sich je davon abbringen, amallerwenigsten aber sich durch irgend eine Schwierigkeit abschrek«ken zu lassen; ein Geist so fruchtbar an Maschinerien und Hülss«Mitteln, daß er fälschlich den Ruf eines großen Kopfs erhielt;biegsam, fein, dijcret, sanft oder hart nach Befinden der Um»stände, fähig, ohne Mühe alle Arten von Formen anzuneh«men, ein berühmter Meister in Kunstgriffen, durch nichts zurrückzuhalten, Verächter aller Ehre und Religion, von beidendas Aeußere sorgfältig beobachtend, stolz und weggeworfennach Zeit und Umständen, aber immer mit kluger Unterschei«düng, stets ohne all« Laune und Neigung, die ihn hätte von