Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine sowesentliche, so neue Einsicht in vier Thesen zusammen-dränge: ich erleichtere damit das Verstehen, ich forderedamit den Widerspruch heraus.
Erster Satz. Die Gründe, darauf hin „diese“ Weltals scheinbar bezeichnet worden ist, begründen vielmehrderen Realität, — eine andre Art Realität ist absolutunnachweisbar.
Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem„wahren Sein“ der Dinge gegeben hat, sind die Kenn-zeichen des Nicht-Seins, des Nichts, — man hat die„wahre Welt“ aus dem Widerspruch zur wirklichen Weltaufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern siebloss eine moralisch-optische Täuschung ist.
Dritter Satz. Von einer „andren“ Welt als dieserzu. fabeln hat gar keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nichtein Instinkt der Verleumdung, Verkleinerung, Verdäch-tigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren Fallerächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines„anderen“, eines „besseren“ Lebens.
Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine „wahre“und eine „scheinbare“, sei es in der Art des Christen-thums, sei es in der Art Kant’s (eines hinterlistigenChristen zu guterletzt) ist nur eine Suggestion der deca-dence, — ein Symptom niedergehenden Lebens . . .Dass der Künstler den Schein höher schätzt als dieRealität, ist kein Einwand gegen diesen Satz. Denn „derSchein“ bedeutet hier die Realität noch einmal, nur ineiner Auswahl, Verstärkung, Correctur . . . Der tragischeKünstler ist kein Pessimist, er sagt gerade Ja zu allemFragwürdigen und Furchtbaren selbst, er ist dionysisch...
Nietzsche, Werke Band VÜII.
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