Druckschrift 
8 : Abth. 1, Bd. 8 (1895) Der Fall Wagner [u.a.]
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

hatte, sein Mittel, seine Kur, seinen Personal-Kunst-griff der Selbst-Erhaltung . . . Überall waren die Instinktein Anarchie; überall war man fünf Schritt weit vomExcess: das monstrum in animo war die allgemeineGefahr.Die Triebe wollen den Tyrannen machen; manmuss einen Gegentyrannen erfinden, der stärkerist. . . Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllthatte, wer er war, eine Höhle aller schlimmen Begierden,liess der grosse Ironiker noch ein Wort verlauten, dasden Schlüssel zu ihm giebt.Dies ist wahr, sagte er,aber ich wurde über alle Herr. Wie wurde Sokratesüber sich Plerr? Sein Fall war im Grunde nur derextreme Fall, nur der in die Augen springendste vondem, was damals die allgemeine Noth zu werden anfieng:dass Niemand mehr über sich Herr war, dass die In-stinkte sich gegen einander wendeten. Er fascinirte alsdieser extreme Fall seine furcliteinflössende Hässlich-keit sprach ihn für jedes Auge aus: er fascinirte, wie sichvon selbst versteht, noch stärker als Antwort, als Lösung,als Anschein der Kur dieses Falls.

io.

Wenn man nöthig hat, aus der Vernunft einenTyrannen zu machen, wie Sokrates es that, so muss dieGefahr nicht klein sein, dass etwas Andres den Tyrannenmacht. Die Vernünftigkeit wurde damals errathen alsRetterin, es stand weder Sokrates noch seinenKrankenfrei, vernünftig zu sein, es war de rigueur, es warihr letztes Mittel. Der Fanatismus, mit dem sich dasganze griechische Nachdenken auf die Vernünftigkeitwirft, verräth eine Nothlage: man war in Gefahr, manhatte nur Eine Wahl: entweder zu Grunde zu gehn oder