72
7 -
— Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck vonRevolte? von Pöbel-Ressentiment? geniesst er als Unter-drückter seine eigne Ferocität in den Messerstichen desSyllogismus? rächt er sich an den Vornehmen, die erfascinirt? — Man hat, als Dialektiker, ein schonungs-loses Werkzeug in der Hand; man kann mit ihm denTyrannen machen; man stellt bloss, indem man siegt.Der Dialektiker überlässt seinem. Gegner den Nachweis,kein Idiot zu sein: er macht wüthend, er macht zugleichhülflos. Der Dialektiker depotenzirt den Intellekt sei-nes Gegners. — Wie? ist Dialektik nur eine Form derRache bei Sokrates?
8 .
Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates ab-stossen konnte: es bleibt um so mehr zu erklären, dasser fascinirte. — Dass er eine neue Art Agon entdeckte,dass er der erste Fechtmeister davon für die vornehmenKreise Athen’s war, ist das Eine. Er fascinirte, indemer an den agonalen Trieb der Hellenen rührte, — erbrachte eine Variante in den Ringkampf zwischen jungenMännern und Jünglingen. Sokrates war auch ein grosserErotiker.
9 -
Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinterseine vornehmen Athener; er begriff, dass sein Fall,seine Idiosynkrasie von Fall bereits kein Ausnahmefallwar. Die gleiche Art von Degenerescenz bereitete sichüberall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende. —Und Sokrates verstand, dass alle Welt ihn nöthig