physiologischer Degenerescenz (genauer, eine Form desHysterismus) ist, wie jede einzelne Verderbniss und Ge-brechlichkeit der durch Wagner inaugurirten Kunst: zumBeispiel die Unruhe ihrer Optik, die dazu nöthigt, injedem Augenblick die Stellung vor ihr zu wechseln. Manversteht Nichts von Wagner, so lange man in ihm nurein Naturspiel, eine Willkür und Laune, eine Zufälligkeitsieht. Er war kein „lückenhaftes“, kein „verunglücktes“,kein „contradiktorisches“ Genie, wie man wohl gesagthat. Wagner war etwas Yollkommnes, ein typischerdecadent, bei dem jeder „freie Wille“ fehlt, jeder ZugNothwendigkeit hat. Wenn irgend Etwas interessant istan Wagner, so ist es die Logik, mit der ein physiolo-gischer Missstand als Praktik und Prozedur, als Neuerungin den Principien, als Krisis des Geschmacks Schluss fürSchluss, Schritt für Schritt macht.
Ich halte mich dies Mal nur bei der Frage desStils auf. — Womit kennzeichnet sich jede litterarischedecadence? Damit, dass das Leben nipht mehr im Ganzenwohnt. Das Wort wird souverain und springt aus demSatz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt denSinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkostendes Ganzen, — das Ganze ist kein Ganzes mehr. Aberdas ist das Gleichniss für jeden Stil der decadence: jedesMal Anarchie der Atome, Disgregation des Willens,„Freiheit des Individuums“, moralisch geredet, — zu einerpolitischen Theorie erweitert „gleiche Rechte für Alle“.Das Leben, die gleiche Lebendigkeit, die Vibration undExuberanz des Lebens in die kleinsten Gebilde zurück-gedrängt, der Rest arm an Leben. Überall Lähmung,Mühsal, Erstarrung oder Feindschaft und Chaos: beidesimmer mehr in die Augen springend, in je höhere Formender Organisation man aufsteigt. Das Ganze lebt über-.