— 289
den Daktylus an jenen Stellen mit dem Ictus - i , - i wversahen: gewiss hörte der Vers nicht auf, jambisch zuerscheinen. Wenn es aber gar keinen Ictus gab, so wurdeallerdings beim Lesen von -uw u- das Gefühl verwirrt,wenn wir nicht durch das T a k t i r e n nachhelfen. Wirnämlich verstanden gar nicht, wozu das Taktiren nöthigwar, da wir den Ictus in die Aussprache legten. Da-von wissen die Alten nichts.
Wie nun musste sich Westphal den Vortrag einessolchen Verses vorstellen 2 ) ? Für uns war er unmöglich,aber er liess sich so ausdrücken:
Tpöiss
i
* J
aux sxe
pw&sv i | m dpuia | [wö irsSi
I
1
J
TEXVOV TUCpÄOU ^SpOVTOC ^AvTl^OVT],
S 1
' J'
tivocs.
010
J-r
Der Accent wurde hier rein als Tonhöhe gefasst, derrhythmische Ictus rein als marcato. Aber wo giebt eseine Sprache, die vom Accent die intensio vocis abhaltenkönnte, vom markirten Hervorheben das Erhöhen des Tones!Zudem sagt vom Latein Diomedes lib. II p. 430 Keil:accentus — vel inflexa elatio orationis vocisque intentio velinclinatio — et est accentus, ut quidam recte putaverunt,velut anima vocis. Ist es nun möglich, dass diese »Wort-seele« beim Singen ganz schwand? 3 ) In der Tonhöhejedenfalls, im märcato nicht. Im Sprechen aber hätte dasWiderspiel des einen Ictus und des anderen Ictus jedenrhythmischen Eindruck zerstört — obwohl viele geradedarin eine besondere Schönheit finden wollen.
Der Ictus, der nirgends von den Alten bezeugt ist,müsste aber doch eine Kraft bewähren, und die Neuerenhaben ihm diese vielfach zugetraut. In der epischen Sprachehabe z. B. die Thesis die Kraft, eine an sich kurze Silbelang zu machen, oüvaixsvo?, iirstSVj, cfr. Kühner I p. 238. Da-
z ) Zuerst naivste Verwechslung von Accent und Ictus beiBentley.
s ) Dies sagt Dionys von Halikarnass [De comp. verb. 11 über Eurip.Orest. 140]: oiya atya Xetrrov iyvoc dpßuXrjs; die sechs ersten Silben sindopoTovoi, ohne alle Rücksicht anf die Wortaccente.
Nietzsche. Werke. III. Abth., Bd. XVIII. (Philologica II.)
19