XII
sicht, dass der Kanon der »klassischen« Meister ein Werkdes »historischen gelehrten Zeitalters der Alexandriner«war, ist in der Form, wie sie hier erscheint (S. 1dl), sicherunzutreffend. Was über den ungriechischen Ursprung dergriechischen Poesie und Cultur vorgetragen wird, bleibt zumguten Theil doch äusserst problematisch. Die bedeutsameThatsache, dass es zuerst die Griechen waren, die die Wahr-heit um der Wahrheit willen suchten, kommt in diesen Be-trachtungen nicht zu ihrem Recht. »Die rein theoretischeForschung ist werthvoller als alles, was unmittelbar nütz-lich zu sein scheint« — diese Lehre des Aristoteles stammtaus griechischem Geiste, nicht aus thracisch-macedonischen.Auch die rhythmischen Untersuchungen, die Nietzsche imBeginn der siebenziger Jahre mit leidenschaftlicher Energiebetrieben hat, bewegen sich auf schwankendem Boden;gleich der Eingang der Rhythmik ist durch die neuen Ent-deckungen — Inschriften und Papyri — überholt, die unsüber die antike Noten- und Accentschrift ganz andre Auf-schlüsse gebracht haben. Oft genug würde man Nietzscheselbst gegen Nietzsche ausspielen können 3 ).
Dem Fachmann braucht das Alles kaum gesagt zuwerden. Aber für die nicht - philologischen Leser sei esnochmals nachdrücklich betont, dass hier Vieles nur pro-visorisch hingestellt oder unsicher, ja unrichtig ist. Sonstkönnte von manchen Capiteln — besonders des drittenTheils der litterarhistorischen Vorlesungen — eine ähnlichblendende und verwirrende »Wirkung in die Ferne« aus-gehn wie von den ersten Abschnitten der Burckhardt’schenCulturgeschichte (die geistvolle Schilderung der cittä dolentenicht ausgenommen).
Mag man aber vom fachwissenschaftlichen Standpunktaus noch so viele Einzelheiten bemängeln: es bleibt genug,
s ) Ein Beispiel: Nach S. 165 war Thaies »ein wirklicher Phönizier«.Aber wie konnte er dann »zu einem überaus edlen Geschlecht inMilet« gehören (S. 189)? Das Räthsel löst sich sehr einfach: dasPhönizierthum des alten Weisen ist nur aus seinem Stammbaum er-schlossen, an dessen Spitze der sagenhafte Kadmos stand (s. meineNachweise bei Roscher, Myth. Ler. II 873),