hysterisch-erotische Zug, den Wagner am Weibe beson-ders geliebt und in Musik gesetzt hat, ist am besten ge-rade in Paris zu Hause: man frage nur die Irrenärzte —;und nirgendswo werden einmal die hypnotisirenden Griffeund Hand-Auflegungen, mit denen unser musikalischerMagus und Cagliostro seine Weiblein zur wollüstigenNachtwandelei mit offnen Augen und geschlossnem Ver-stände zwingt und überredet, so gut verstanden werden,als unter Pariserinnen. Die Nähe von krankhaften Be-gierden, die Brunst rasend gewordener Sinne, über welcheder Blick durch Dünste und Schleier des Übersinnlichenauf gefährliche Weise getäuscht wird: wohin gehört dasmehr, als in die Romantik der französischen Seele? Hierwirkt ein Zauber, der unvermeidlich einmal noch diePariser zu Wagner bekehren wird. — Wagner aber solldurchaus der eigentlich deutsche Künstler sein: so de-cretirt man heute in Deutschland, so verehrt man ihn, ineiner Zeit, welche wieder einmal die prahlerische Deutsch-thümelei auf die Höhe bringt. Diesen „eigentlich deutschen“Wagner giebt es gar nicht: ich vermuthe, der istdie Ausgeburt sehr dunkler deutscher Jünglinge undJungfrauen, welche sich mit diesem Decrete selbst ver-herrlichen wollen. Dass irgend Etwas an Wagner deutschsein mag, ist wahrscheinlich: aber was? Vielleicht nurder Grad, nicht die Qualität seines Wollens und Könnens?Vielleicht nur, dass er alles stärker, reicher, verwegener,härter gemacht hat, als es irgend ein Franzose''des neun-zehnten Jahrhunderts machen könnte? Dass er gegensich selber strenger und den längsten Theil seines Lebensin deutscher Weise, auf eigne Faust, als unerbittlicherAtheist, Antinomist und Immoralist gelebt hat? Dass erdie Figur eines sehr freien Menschen, des Siegfried, er-dichtete, welche in der That zu frei, zu hart, zu wohl-
Nietzsche, Werke II. Abtheilung, Bd. XIV. jj