Druckschrift 
14 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 6 (1904) Unveröffentlichtes aus der Umwerthungszeit : (1882/83 - 1888)
Entstehung
Seite
145
Einzelbild herunterladen
 

i45

299 -

Die Grösse eines Musikers misst sich nicht nach denschönen Gefühlen, die er erregt — das glauben dieWeiber —: sie misst sich nach der Spannkraft seinesWillens, nach der Sicherheit, mit der das Chaos seinemBefehl gehorcht und Form wird, nach der Nothwendig-keit, welche seine Hand in eine Abfolge von Formenlegt. Die Grösse eines Musikers — mit Einem Worte —wird gemessen an seiner Fähigkeit zum grossen Stil.

300.

Der grosse Stil besteht in der Verachtung der kleinenund kurzen Schönheit, ist ein Sinn für Weniges undLanges.

301.

Der Künstler und der Wille zur Macht. Der Ein-druck von Neutralität ist bezaubernd für Heerdenthiere.— Palazzo Pitti und Phidias. Kunst, je nach der Moral,für Heerde oder Führer.

302.

Vor dem Kunstwerk kann man sich gehn lassen.Vor dem grossen Menschen nicht! Daher die Pflegeder Künste bei den Unterworfenen, die sich eine Weltder Freiheit schaffen; — die Künstler sind meistensSolche, welche nicht Herrscher sind.

Die Herrscher lieben die Kunst, weil sie Abbildervon sich wollen.

Nietzsche, Werke II. Abtheilung, Bd. XIV.

IO