Druckschrift 
15 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 7 (1901) Der Wille zur Macht : Versuch einer Umwerthung aller Werthe ; (Studien und Fragmente)
Entstehung
Seite
145
Einzelbild herunterladen
 

r 45

der christliche Altruismus, wenn nicht der Massen-Egois-mus der Schwachen, welcher erräth, dass, wenn Alle füreinander sorgen, jeder Einzelne am längsten erhaltenbleibt? . . . Wenn man eine solche Gesinnung nicht alseine extreme Unmoralität, als ein Verbrechen am Lebenempfindet, so gehört man zur kranken Bande und hatselber deren Instincte . . . Die echte Menschenliebe ver-langt das Opfer zum Besten der Gattung, sie ist hart,sie ist voll Selbstüberwindung, weil sie das Menschen-opfer braucht. Und diese Pseudo-Humanität, die Christen-thum heisst, will gerade durchsetzen, dass Niemand ge-opfert wird ... ,

152.

Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als einconsequenter Nihilismus der That. So wie ich alledie Phänomene des Christenthums, des Pessimismus ver-stehe, so drücken sie aus:wir sind reif, nicht zu sein;für uns ist es vernünftig, nicht zu sein. Diese SprachederVernunft wäre in diesem Falle auch die Spracheder selectiven Natur.

Was über alle Begriffe dagegen zu verurtheilen ist,das ist die zweideutige und feige Halbheit einer Religion,wie die des Christenthums: deutlicher, der Kirche:welche, statt zum Tode und zur Selbstvernichtung zuermuthigen, alles Missrathene und Kranke schützt undsich selbst fortpflanzen macht

Problem: mit was für Mitteln würde eine strengeForm des grossen contagiösen Nihilismus erzielt werden:eine solche, welche, mit wissenschaftlicher Gewissenhaftig-keit, den freiwilligen Tod lehrt und übt ( und nichtdas schwächliche Fortvegetiren mit Hinsicht auf einefalsche Postexistenz)?

Nietzsche, Werke II. Abtheilung. Wille zur Macht. jq