Drittens: sie müssen auch einen weiter reichendenMachtbereich haben, dessen Controle sich den Blickenihrer Unterworfenen entzieht: das Strafmaass für dasJenseits, das „Nach-dem-Tode“, — wie billig auch dieMittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.
— Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufszu entfernen: da sie aber kluge und nachdenkliche Leutesind, so können sie eine Menge Wirkungen versprechen,natürlich als bedingt durch Gebete oder durch stricteBefolgung ihres Gesetzes. — Sie können insgleichen eineMenge Dinge verordnen, die absolut vernünftig sind,— nur dass sie nicht die Erfahrung, die Empirie alsQuelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine Offen-barung oder die Folge „härtester Bussübungen“.
Die heilige Lüge bezieht sich also principiell: aufden Zweck der Handlung (— der Naturzweck, die Ver-nunft wird unsichtbar gemacht: ein Moral-Zweck, eineGesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint alsZweck —): auf die Folge der Handlung (— die natür-liche Folge wird als übernatürliche ausgelegt, und, umsichrer zu wirken, es werden uncontrolirbare andre, über-natürliche Folgen in Aussicht gestellt).
Auf diese Weise wird ein Begriff von Gut und Bösegeschaffen, der ganz und gar losgelöst von dem Natur-begriff „nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „leben-vermindernd“ erscheint, — er kann, insofern ein anderesLeben erdacht ist, sogar direct feindselig dem Natur-begriff von Gut und Böse werden.
Auf diese Weise wird endlich das berühmte „Ge-wissen“ geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jederHandlung nicht den Werth der Handlung an ihrenFolgen misst, sondern in Hinsicht auf die Absicht undConformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.