8o.
Schwäche des Willens: das ist ein Gleichniss, dasirreführen kann. Denn es giebt keinen Willen, und folg-lich weder einen starken, noch schwachen Willen. DieVielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel anSystem unter ihnen resultirt als „schwacher Wille“; dieCoordination derselben unter der Vorherrschaft eineseinzelnen resultirt als „starker Wille“; — im erstemFalle ist es das Oscilliren und der Mangel an Schwer-gewicht; im letztem die Präcision und Klarheit derRichtung.
81.
Der Begriff „starker und schwacher Mensch“reducirt sich darauf, dass im ersten Falle viel Kraft ver-erbt ist — er ist eine Summe: im andern noch wenig —(—unzureichendeVererbung, Zersplitterung des Ererbten).Die Schwäche kann ein Anfangs-Phänomen sein: „nochwenig“; oder ein End-Phänomen: „nicht mehr“.
Der Ansatz-Punkt ist der, wo grosse Kraft ist,wo Kraft auszugeben ist. Die Masse, als die Summeder Schwachen, reagirt langsam; wehrt sich gegenVieles, für das sie zu schwach ist, — von dem sie keinenNutzen haben kann; schafft nicht, geht nicht voran . . .
Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuumleugnet und meint „die Masse thut’s“. Es ist die Differenzwie zwischen getrennten Geschlechtern: es können vier,fünf Generationen zwischen dem Thätigen und der Masseliegen . . . eine chronologische Differenz . . .
Die Werthe der Schwachen sind obenan, weil dieStarken sie übernommen haben, um damit zu leiten . . .
Nietzsche, Werke II. Abtlieilung. Wille zur Macht.
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