Druckschrift 
15 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 7 (1901) Der Wille zur Macht : Versuch einer Umwerthung aller Werthe ; (Studien und Fragmente)
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

6i

59 -

Über unsere moderne Musik. Die Verkümmerungder Melodie ist das Gleiche, wie die Verkümmerung derIdee, der Dialektik, der Freiheit geistigster Bewegung, eine Plumpheit und Gestopftheit, welche sich zu neuenWagnissen und selbst zu Principien entwickelt; manhat schliesslich nur die Principien seiner Begabung, seinerBornirtheit von Begabung.

Dramatische Musik Unsinn! Das ist einfachschlechte Musik . . . DasGefühl, dieLeidenschaftals Surrogate, wenn man die hohe Geistigkeit und dasGlück derselben (z. B. Voltaires) nicht mehr zu er-reichen weiss. Technisch ausgedrückt, ist dasGefühl,dieLeidenschaft leichter es setzt viel ärmereKünstler voraus. Die Wendung zum Drama verräth,dass ein Künstler über die Schein mittel noch mehrsich Herr weiss als über die echten Mittel. Wir habendramatische Malerei, dramatische Lyrik u. s. w.

60.

Die Scheidung inPublikum undCoenakel: imersten muss man heute Charlatan sein, im zweiten willman Virtuose sein und Nichts weiter! Übergreifend überdiese Scheidung unsere specifischenGenies des Jahr-hunderts, gross für Beides; grosse Charlatanerie VictorHugos und Richard Wagners, aber gepaart mit sovielechtem Virtuosenthum, dass sie auch den Raffinirtestenim Sinne der Kunst selbst genug thaten. Daher derMangel an Grösse: sie haben eine wechselnde Optik,bald in Hinsicht auf die gröbsten Bedürfnisse, bald inHinsicht auf die raffinirtesten.