20
Aber unter den Kräften, die die Moral grosszog,/ war die Wahrhaftigkeit: diese wendet sich endlichgegen die Moral, entdeckt ihre Teleologie, ihre inter-essirte Betrachtung — und jetzt wirkt die Einsichtin diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man ver-zweifelt, von sich abzuthun, gerade als Stimulans. Wirconstatiren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch dielange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürf-nisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind esdie, an denen der Werth zu hängen scheint, derentwegenwir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus, Das, waswir erkennen, nicht zu schätzen und Das, was wir unsvorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu dürfen: —ergiebt einen Auflösungsprocess.
db
Thatsächlich haben wir ein Gegenmittel gegen denersten Nihilismus nicht mehr so nöthig: das Leben istnicht mehr dermaassen ungewiss, zufällig, unsinnig inunserem Europa. Eine solch ungeheure Potenzirungvom Werth des Menschen, vom Werth des Übels u. s. w.ist jetzt nicht so nöthig, wir ertragen eine bedeutendeErmässigung dieses Werthes, wir dürfen viel Unsinnund Zufall einräumen: die erreichte Macht des Menschenerlaubt jetzt eine Herabsetzung der Zuchtmittel, vondenen die moralische Interpretation das stärkste war.„Gott“ ist eine viel zu extreme Hypothese.
Aber extreme Positionen werden nicht durch er-mässigte abgelöst, sondern wiederum durch extreme, aberumgekehrte. Und so ist der Glaube an die absolute