Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
554
Einzelbild herunterladen
 

554

Sterbenden liegt, mit seiner unersättlichen süssesten Sehn-sucht nach den Geheimnissen der Nacht und des Todes,fern weg von dem Leben, welches als das Böse, Trüge-rische, Trennende in einer grausenhaften, gespenstischenMorgenhelle und Schärfe leuchtet: dabei ein Drama vonder herbsten Strenge der Form, überwältigend in seinerschlichten Grösse, und gerade nur so dem Geheimnissgemäss, von dem es redet, dem Todt-sein bei lebendigemLeibe, dem Eins-sein in der Zweiheit. Und doch ist nochEtwas wunderbarer als diess Werk: der Künstler selber,der nach ihm in einer kurzen Spanne Zeit ein Weltbildder verschiedensten Färbung, die Meistersinger von Nürn-berg, schaffen konnte, ja der in beiden Werken gleichsamnur ausruhte und sich erquickte, um den vor ihnen ent-worfenen und begonnenen viertheiligen Riesenbau mitgemessner Eile zu Ende zu thürmen, sein Sinnen undDichten durch zwanzig Jahre hindurch, sein BayreutherKunstwerk, den Ring des Nibelungen! Wer sich überdie Nachbarschaft des Tristan und. der Meistersingerbefremdet fühlen kann, hat das Leben und Wesen allerwahrhaft grossen Deutschen in einem wichtigen Punktenicht verstanden: er weiss nicht, auf welchem Grundeallein jene eigentlich und einzig deutsche Heiter-keit Luther’s, Beethoven’s und Wagner’s erwachsenkann, die von andern Völkern gar nicht verstanden wirdund den jetzigen Deutschen selber abhanden gekommenscheint — jene goldhelle durchgegohrne Mischung vonEinfalt, Tief blick der Liebe, betrachtendem Sinne undSchalkhaftigkeit, wie sie Wagner als den köstlichstenTrank allen Denen eingeschenkt hat, welche tief amLeben gelitten haben und sich ihm gleichsam mit demLächeln der Genesenden wieder zukehren. Und wie erselber so versöhnter in die Welt blickte, seltener von