Bewegungen ist ebenso sehr schauderndes Verstehen,übermüthiges Durchschauen, als liebendes Nahen, lust-volle Selbst - Entäusserung. Das Wort folgt berauscht
dem Zuge dieses Rhythmus; mit dem Worte gepaart er-tönt die Melodie; und wiederum wirft die Melodie ihreFunken weiter in das Reich der Bilder und Begriffe.Eine Traumerscheinung, dem Bilde der Natur und ihresFreiers ähnlich-unähnlich, schwebt heran, sie verdichtetsich zu menschlicheren Gestalten, sie breitet sich aus zurAbfolge eines ganzen heroisch - übermüthigen Wollens,eines wonnereichen Untergehens und Nicht-mehr-Wollens:-— so entsteht die Tragödie, so wird dem Leben seineherrlichste Weisheit, die des tragischen Gedankens, ge-schenkt, so endlich erwächst der grösste Zauberer undBeglücker unter den Sterblichen, der dithyrambischeDramatiker. —
8 .
Das eigentliche Leben Wagner’s, das heisst die all-mähliche Offenbarung des dithyrambischen Dramatikers,war zugleich ein unausgesetzter Kampf mit sich selbst,soweit er nicht nur dieser dithyrambische Dramatikerwar: der Kampf mit der widerstrebenden Welt wurdefür ihn nur desshalb so grimmig und unheimlich, weil erdiese „Welt“, diese verlockende Feindin, aus sich selberreden hörte und weil er einen gewaltigen Dämon desWiderstrebens in sich beherbergte. Als der herrschendeGedanke seines Lebens in ihm aufstieg, dass vomTheater aus eine unvergleichliche Wirkung, die grössteWirkung aller Kunst ausgeübt werden könne, riss ersein Wesen in die heftigste Gährung. Es war damitnicht sofort eine klare, lichte Entscheidung über seinweiteres Begehren und Handeln gegeben; dieser Gedanke
Nietzsche, Werke Band I. 35