Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
535
Einzelbild herunterladen
 

535

digung vorzubereiten. Die Lehre vom Staat, vom Volke,von der Wirthschaft, dem Handel, dem Rechte Alleshat jetzt jenen vorbereitend apologetischenCharakter; ja es scheint, was von Geist noch thätig ist,ohne bei dem Getriebe des grossen Erwerb- und Macht-Mechanismus selbst verbraucht zu werden, hat seineeinzige Aufgabe im Vertheidigen und Entschuldigen derGegenwart.

Vor welchem Kläger? Das fragt man da mit Befremden.Vor dem eignen schlechten Gewissen.

Und hier wird auch mit Einem Male die Aufgabeder modernen Kunst deutlich: Stumpfsinn oder Rausch!Einschläfern oder betäuben! Das Gewissen zum Nicht-wissen bringen, auf diese oder die andre Weise! Dermodernen Seele über das Gefühl von Schuld hinweg-helfen, nicht ihr zur Unschuld zurück verhelfen! Unddiess wenigstens auf Augenblicke! Den Menschen vorsich selber vertheidigen, indem er in sich selber zumSchweigen-müssen, zum Nicht-hören-können gebrachtwird! Den Wenigen, welche diese beschämendste Auf-gabe, diese schreckliche Entwürdigung der Kunst nureinmal wirklich empfunden haben, wird die Seele vonJammer und Erbarmen bis zum Rande voll gewordensein und bleiben: aber auch von einer neuen über-mächtigen Sehnsucht. Wer die Kunst befreien, ihreunentweihte Heiligkeit wiederherstellen wollte, der müsstesich selber erst von der modernen Seele befreit haben;nur als ein Unschuldiger dürfte er die Unschuld der Kunstfinden, er hat zwei ungeheure Reinigungen und Weihungenzu vollbringen. Wäre er dabei siegreich, spräche er ausbefreiter Seele mit seiner befreiten Kunst zu den Menschen,so würde er dann erst in die grösste Gefahr, in den un-geheuersten Kampf gerathen; die Menschen würden ihn