über die ganze verlogene Schau- und Scheinwelt derGegenwart. Diess ist die zweite Antwort Wagner’s aufdie Frage, was die Musik in dieser Zeit zu bedeuten habe.Helft mir, so ruft er Allen zu, die hören können, helft mirjene Cultur zu entdecken, von der meine Musik als diewiedergefundene Sprache der richtigen Empfindung wahr-sagt, denkt darüber nach, dass die Seele der Musik sichjetzt einen Leib gestalten will, dass sie durch euch Allehindurch zur Sichtbarkeit in Bewegung, That, Einrichtungund Sitte ihren Weg sucht! Es giebt Menschen, welchediesen Zuruf verstehen, und es werden ihrer immer mehr;diese begreifen es auch zum ersten Male wieder, was esheissen will, den Staat auf Musik zu gründen, — Etwas,das die älteren Hellenen nicht nur begriffen hatten, sondernauch von sich selbst forderten: während die selben Ver-ständnissvollen über dem jetzigen Staat ebenso unbedingtden Stab brechen werden, wie es die meisten Menschenjetzt schon über der Kirche thun. Der Weg zu einemso neuen und doch nicht allezeit unerhörten Ziele führtdazu, sich einzugestehn, worin der beschämendste Mangelin unsrer Erziehung und der eigentliche Grund ihrerUnfähigkeit, aus dem Barbarischen herauszuheben, liegt:es fehlt ihr die bewegende und gestaltende Seele derMusik, hingegen sind ihre Erfordernisse und Einrichtungendas Erzeugniss einer Zeit, in welcher jene Musik nochgar nicht geboren war, auf die wir hier ein so viel-bedeutendes Vertrauen setzen. Unsere Erziehung ist dasrückständigste Gebilde in der Gegenwart, und geraderückständig in Bezug auf die einzige neu hinzugekommeneerzieherische Gewalt, welche die jetzigen Menschen vordenen früherer Jahrhunderte voraushaben — oder habenkönnten, wenn sie nicht mehr so besinnungslos gegen-wärtig unter der Geissei des Augenblicks fortleben
Nietzsche, Werke Band I.
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