Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
528
Einzelbild herunterladen
 

528

erhalten hat, wird auf die Kunst dieses Verstecken-spielens verwendet. Überall, wo man jetztForm ver-langt, in der Gesellschaft und der Unterhaltung, imschriftstellerischen Ausdruck, im Verkehr der Staaten miteinander, versteht man darunter unwillkürlich einen ge-fälligen Anschein, den Gegensatz des wahren Begriffsvon Form als von einer nothwendigen Gestaltung, diemitgefällig undungefällig nichts zu thun hat, weilsie eben nothwendig und nicht beliebig ist. Aber auchdort, wo man jetzt unter Völkern der Civilisation nichtdie Form ausdrücklich verlangt, besitzt man ebenso wenigjene nothwendige Gestaltung, sondern ist in dem Strebennach dem gefälligen Anschein nur nicht so glücklich,wenn auch mindestens ebenso eifrig. Wie gefällignämlich hier und dort der Anschein ist, und wesshalb esJedem gefallen muss, dass der moderne Mensch sichwenigstens bemüht, zu scheinen, das fühlt Jeder in demMaasse, in dem er selber moderner Mensch ist.Nurdie Galeerensclaven kennen sich, sagt Tasso dochwir verkennen nur die Andern höflich, damit sie wiederuns verkennen sollen.

In dieser Welt der Formen und der erwünschtenVerkennung erscheinen nun die von der Musik erfülltenSeelen, zu welchem Zwecke? Sie bewegen sich nachdem Gange des grossen, freien Rhythmus, in vornehmerEhrlichkeit, in einer Leidenschaft, welche überpersönlichist, sie erglühen von dem machtvoll ruhigen Feuer derMusik, das aus unerschöpflicher Tiefe in ihnen ans Lichtquillt, diess Alles zu welchem Zwecke?

Durch diese Seelen verlangt die Musik nach ihrerebenmässigen Schwester, der Gymnastik, als nach ihrernothwendigen Gestaltung im Reiche des Sichtbaren: imSuchen und Verlangen nach ihr wird sie zur Richterin