Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
522
Einzelbild herunterladen
 

5 22

liehen Dinge durch Gewalt, Trug und Ungerechtigkeitbestimmt wird; man kann nicht einmal weise sein, solange nicht die ganze Menschheit im Wetteifer um Weis-heit gerungen hat und den Einzelnen auf die weisesteArt ins Leben und Wissen hineinführt. Wie sollte manes hun bei diesem dreifachen Gefühle des Ungenügensaushalten, wenn man nicht schon in seinem Kämpfen,Streben und Untergehen etwas Erhabenes und Bedeu-tungsvolles zu erkennen vermöchte und nicht aus derTragödie lernte, Lust am Rhythmus der grossen Leiden-schaft und am Opfer derselben zu haben. Die Kunstist freilich keine Lehrerin und Erzieherin für das un-mittelbare Handeln; der Künstler ist nie in diesemVerstände ein Erzieher und Rathgeber; die Objecte,welche die tragischen Helden erstreben, sind nicht ohneWeiteres die erstrebenswerthen Dinge an sich. Wie imTraume ist die Schätzung der Dinge, so lange wir unsim Banne der Kunst festgehalten fühlen, verändert: waswir währenddem für so erstrebenswerth halten, dass wirdem tragischen Helden beistimmen, wenn er lieber denTod erwählt, als dass er darauf verzichtete das ist fürdas wirkliche Leben selten von gleichem Werthe undgleicher Thatkraft würdig: dafür ist eben die Kunst dieThätigkeit des Ausruhenden. Die Kämpfe, welche siezeigt, sind Vereinfachungen der wirklichen Kämpfe desLebens; ihre Probleme sind Abkürzungen der unendlichverwickelten Rechnung des menschlichen Handelnsund Wollens. Aber gerade darin liegt die Grösse undUnentbehrlichkeit der Kunst, dass sie den Schein einereinfacheren Welt, einer kürzeren Lösung der Lebens-Räthsel erregt. Niemand, der am Leben leidet, kanndiesen Schein entbehren, wie Niemand des Schlafsentbehren kann. Je schwieriger die Erkenntniss von den