ein Merkmal von Erschlaffung, von Rück- und Hin-fälligkeit: so dass sie nun jedem um sich greifendenFieber, zum Beispiel dem politischen, in gefährlichster"Weise ausgesetzt sind. Einen solchen Zustand vonSchwäche stellen, im Gegensatz zu allen Reformations-und Revolutions-Bewegungen, unsre Gelehrten in derGeschichte des modernen Geistes dar; sie haben sichnicht die stolzeste Aufgabe gestellt, aber eine eigneArt friedfertigen Glücks gesichert. Jeder freiere, männ-lichere Schritt führt freilich an ihnen vorüber, — wennauch keineswegs an der Geschichte selbst! Diese hatnoch ganz andre Kräfte in sich, wie gerade solcheNaturen wie Wagner ahnen: nur muss sie erst einmalin einem viel ernsteren, strengeren Sinne, aus einermächtigen Seele heraus und überhaupt nicht mehr opti-mistisch, wie bisher immer, geschrieben werden, andersalso, als die deutschen Gelehrten bis jetzt gethan haben.Es liegt etwas Beschönigendes, Unterwürfiges und Zu-friedengestelltes auf allen ihren Arbeiten, und der Gangder Dinge ist ihnen recht. Es ist schon viel, wenn esEiner merken lässt, dass er gerade nur zufrieden sei,weil es noch schlimmer hätte kommen können: dieMeisten von ihnen glauben unwillkürlich, dass es sehrgut sei, gerade so wie es nun einmal gekommen ist.Wäre die Historie nicht immer noch eine verkapptechristliche Theodicee, wäre sie mit mehr Gerechtigkeitund Inbrunst des Mitgefühls geschrieben, so würde siewahrhaftig am wenigsten gerade als Das Dienste leistenkönnen, als was sie jetzt dient: als Opiat gegen allesUmwälzende und Erneuernde. Ähnlich steht es mitder Philosophie: aus welcher ja die Meisten nichts An-dres lernen wollen, als die Dinge ungefähr — sehr un-gefähr! — verstehen, um sich dann in sie zu schicken.
Nietzsche, Werke Band I.
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