Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
504
Einzelbild herunterladen
 

5°4

Sobald seine geistige und sittliche Mannbarkeit eintritt,beginnt auch das Drama seines Lebens. Und wie andersist jetzt der Anblick! Seine Natur erscheint in furcht-barer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphärenauseinander gerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Willein jäher Strömung, der gleichsam auf allen Wegen,Höhlen und Schluchten ans Licht will und nach Machtverlangt. Nur eine ganz reine und freie Kraft konntediesem Willen einen Weg ins Gute und Hülfreicheweisen; mit einem engen Geiste verbunden, hätte einsolcher Wille bei seinem schrankenlosen tyrannischenBegehren zum Verhängniss werden können; und jeden-falls musste bald ein Weg ins Freie sich finden, undhelle Luft und Sonnenschein hinzukommen. Ein mäch-tiges Streben, dem immer wieder ein Einblick in seineErfolglosigkeit gegeben wird, macht böse; das Unzuläng-liche kann mitunter in den Umständen, im Unabänder-lichen des Schicksals liegen, nicht im Mangel der Kraft:aber Der, welcher vom Streben nicht lassen kann, trotzdiesem Unzulänglichen, wird gleichsam unterschwürigund daher reizbar und ungerecht. Vielleicht sucht erdie Gründe für sein Misslingen in den Anderen, ja erkann in leidenschaftlichem Hasse alle Welt als schuldigbehandeln; vielleicht auch geht er trotzig auf Neben-und Schleichwegen oder übt Gewalt: so geschieht eswohl, dass gute Naturen verwildern, auf dem Wege zumBesten. Selbst unter Denen, welche nur der eignensittlichen Reinigung nachjagten, unter Einsiedlern undMönchen, finden sich solche verwilderte und über undüber erkrankte, durch Misslingen ausgehöhlte und zer-fressene Menschen. Es war ein liebevoller, mit Güteund Süssigkeit überschwänglich mild zuredender Geist,dem die Gewaltthat und die Selbstzerstörung verhasst ist