435
Begierde zu leben und doch über dies Leben zu garkeiner Besonnenheit zu kommen; und kein schwereresLoos ist zu ersinnen als das des Raubthiers, welches vonder nagendsten Qual durch die Wüste gejagt wird, seltenbefriedigt, und auch dies nur so, dass die Befriedigungzur Pein wird, im zerfleischenden Kampfe mit andernThieren oder durch ekelhafte Gier und Übersättigung.So blind und toll am Leben zu hängen, um keinen höhernPreis, ferne davon zu wissen, dass und warum man sogestraft wird, sondern gerade nach dieser Strafe, wie nacheinem Glücke, mit der Dummheit einer entsetzlichenBegierde zu lechzen — das heisst Thier sein; und wenndie gesammte Natur sich zum Menschen hindrängt, sogiebt sie dadurch zu verstehen, dass er zu ihrer Erlösungvom Fluche des Thierlebens nöthig ist und dass endlichin ihm das Dasein sich einen Spiegel vorhält, auf dessenGrunde das Leben nicht mehr sinnlos, sondern in seinermetaphysischen Bedeutsamkeit erscheint. Doch überlegeman wohl: wo hört das Thier auf, wo fängt der Menschan! Jener Mensch, an dem allein der Natur gelegen ist!So lange Jemand nach dem Leben wie nach einem Glückeverlangt, hat er den Blick noch nicht über den Horizontdes Thieres hinausgehoben, nur dass er mit mehr Be-wusstsein will, was das Thier im blinden Drange sucht.Aber so geht es uns Allen, den grössten Theil des Lebenshindurch: wir kommen für gewöhnlich aus der Thierheitnicht heraus, wir selbst sind die Thiere, die sinnlos zuleiden scheinen.
Aber es giebt Augenblicke, wo wir dies be-greifen: dann zerreissen die Wolken, und wir sehen,wie wir sammt aller Natur uns zum Menschen hindrängen,als zu einem Etwas, das hoch über uns steht. Schauderndblicken wir, in jener plötzlichen Helle, um uns und rück-
28*