— 419 —
kennen lernen können. Hat es nämlich überhaupt einenSinn, sich mit seiner Zeit zu beschäftigen, so ist es jeden-falls ein Glück, sich so gründlich wie möglich mit ihr zubeschäftigen, so dass einem über sie gar kein Zweifelübrig bleibt: und gerade dies gewährt uns Schopenhauer. —Freilich, hundertmal grösser wäre das Glück, wennbei dieser Untersuchung herauskäme, dass etwas so Stolzesund Hoffnungsreiches wie dies Zeitalter noch gar nichtdagewesen sei. Nun giebt es auch augenblicklich naiveLeute in irgend einem Winkel der Erde, etwa in Deutsch-land, welche sich anschicken, so etwas zu glauben, ja diealles Ernstes davon sprechen, dass seit ein paar Jahrendie Welt corrigirt sei, und dass derjenige, welcher viel-leicht über das Dasein seine schweren und finsternBedenken habe, durch die „Thatsachen“ widerlegt sei.Denn so stehe es: die Gründung des neuen deutschenReiches sei der entscheidende und vernichtende Schlaggegen alles „pessimistische“ Philosophiren, — davon lassesich nichts abdingen. — Wer nun gerade die Fragebeantworten will, was der Philosoph als Erzieher inunserer Zeit zu bedeuten habe, der muss auf jene sehrverbreitete und zumal an Universitäten sehr gepflegteAnsicht antworten, und zwar so: es ist eine Schande undSchmach, dass eine so ekelhafte, zeitgötzendienerischeSchmeichelei von sogenannten denkenden und ehren-werthen Menschen aus- und nachgesprochen werdenkann, — ein Beweis dafür, dass man gar nicht mehr ahnt,wie weit der Ernst der Philosophie von dem Ernst einerZeitung entfernt ist. Solche Menschen haben den letztenRest nicht nur einer philosophischen, sondern auch einerreligiösen Gesinnung eingebüsst und statt alle dem nichtetwa den Optimismus, sondern den Journalismus einge-handelt, den Geist und Ungeist des Tages und der Tage-
27 :