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Gelehrte und Ungelehrte, Vornehme und Geringe, unsresittlichen Vorbilder und Berühmtheiten unter unsern Zeit-genossen, der sichtbare Inbegriff aller schöpferischen Moralin dieser Zeit? Wo ist eigentlich alles Nachdenken übersittliche Fragen hingekommen, mit welchen sich doch jedeedler entwickelte Geselligkeit zu allen Zeiten beschäftigthat ? Es giebt keine Berühmtheiten und kein Nachdenkenjener Art mehr; man zehrt thatsächlich an dem ererbtenCapital von Sittlichkeit, welches unsre Vorfahren auf-häuften und welches wir nicht zu mehren, sondern nurzu verschwenden verstehen; man redet über solche Dingein unsrer Gesellschaft entweder gar nicht oder mit einernaturalistischen Ungeübtheit und Unerfahrenheit, welcheWiderwillen erregen muss. So ist es gekommen, dassunsre' Schulen und Lehrer von einer sittlichen Erziehungeinfach absehen oder sich mit Förmlichkeiten abfinden:und Tugend ist ein Wort, bei dem Lehrer und Schülersich nichts mehr denken können, ein altmodisches Wort,über das man lächelt — und schlimm, wenn man nichtlächelt, denn dann wird man heucheln.
Die Erklärung dieser Mattherzigkeit und des nied-rigen Fluthstandes aller sittlichen Kräfte ist schwer undverwickelt; doch wird Niemand, der den Einfluss dessiegenden Christenthums auf die Sittlichkeit unsrer altenWelt in Betracht nimmt, auch die Rückwirkung desunterliegenden Christenthums, also sein immer wahr-scheinlicheres Loos in unsrer Zeit, übersehen dürfen. DasChristenthum hat durch die Höhe seines Ideals die an-tiken Moralsysteme und die in allen gleichmässig wal-tende Natürlichkeit so überboten, dass man gegen dieseNatürlichkeit stumpf und ekel wurde; hinterdrein aber,als man das Bessere und Höhere zwar noch erkannte,aber nicht mehr vermochte, konnte man zum Guten und