Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
395
Einzelbild herunterladen
 

m-

msri

-- 395

genügt uns Allen als höchste Bildungsanstalt, als Uni-versität: welche Führer, welche Institutionen, verglichenmit der Schwierigkeit der Aufgabe, einen Menschen zumMenschen zu erziehen! Selbst die vielbewunderte Art,mit der die deutschen Gelehrten auf ihre Wissenschaftlosgehen, zeigt vor allem, dass sie dabei mehr an dieWissenschaft als an die Menschlichkeit denken, dasssie wie eine verlorne Schaar sich ihr zu opfern angelehrtwerden, um wieder neue Geschlechter zu dieser Opferungheranzuziehen. Der Verkehr mit der Wissenschaft, wenner durch keine höhere Maxime der Erziehung geleitetund eingeschränkt, sondern, nach dem Grundsätzejemehr desto besser nur immer mehr entfesselt wird, istgewiss für die Gelehrten ebenso schädlich, wie der öko-nomische Lehrsatz des laisser faire für die Sittlichkeitganzer Völker. Wer weiss es noch, dass die Erziehungdes Gelehrten, dessen Menschlichkeit nicht preisgegebenoder ausgedörrt werden soll, ein höchst schwieriges Pro-blem ist und doch kann man diese Schwierigkeit mitAugen sehen, wenn man auf die zahlreichen Exem-plare Acht giebt, welche durch eine gedankenlose undallzu frühzeitige Hingebung an die Wissenschaft krummgezogen und mit einem Höcker ausgezeichnet wordensind. Aber es giebt ein noch wichtigeres Zeugniss fürdie Abwesenheit aller höheren Erziehung, wichtiger undgefährlicher und vor allem viel allgemeiner. Wenn esauf der Stelle deutlich ist, warum ein Redner, ein Schrift-steller jetzt nicht erzogen werden kann weil es ebenfür sie keine Erzieher giebt; wenn es fast ebensodeutlich ist, warum ein Gelehrter jetzt verzogen und ver-schroben werden muss weil die Wissenschaft, alsoein unmenschliches Abstractum, ihn erziehen soll, sofrage man ihn endlich: wo sind eigentlich für uns Alle,