Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
377
Einzelbild herunterladen
 

377

wird, hat Gold in seinem Leibe, wer als AVächter, nurSilber, wer als Arbeiter, Eisen und Erz. Wie es nichtmöglich ist, diese Metalle zu mischen, erklärt Plato, sosoll es nicht möglich sein, die Kastenordnung je um- unddurcheinander zu werfen; der Glaube an die aeternqveritas dieser Ordnung ist das Fundament der neuen Er-ziehung und damit des neuen Staates. So glaubt nunauch der moderne Deutsche an die aeteriia veritas seinerErziehung, seiner Art Cultur: und doch fällt dieserGlaube dahin, wie der platonische Staat dahingefallenwäre, wenn einmal der Nodilüge eine Nothwahrheitentgegengestellt wird: dass der Deutsche keine Culturhat, weil er sie auf Grund seiner Erziehung gar nichthaben kann. Er will die Blume ohne Wurzel undStengel: er will sie also vergebens. Das ist die einfacheWahrheit, eine unangenehme und gröbliche, eine rechteNothwahrheit.

In dieser Nothwahrheit muss aber unsere ersteGeneration erzogen werden; sie leidet gewiss an ihram schwersten, denn sie muss durch sie sich selbst er-ziehen, und zwar sich selbst gegen sich selbst, zu einerneuen Gewohnheit und Natur, heraus aus einer alten understen Natur und Gewohnheit: so dass sie mit sich alt-spanisch reden könnte:Defienda me Dios de my, Gottbehüte mich vor mir, nämlich vor der mir bereits anerzog-nen Natur. Sie muss jene Wahrheit Tropfen für Tropfenkosten, als eine bittre und gewaltsame Medizin kosten,und jeder Einzelne dieser Generation muss sich über-winden, von sich zu urtheilen, was er als allgemeinesUrtheil über eine ganze Zeit schon leichter ertragenwürde: wif sind ohne Bildung, noch mehr, wir sind zumLeben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören,zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen