3/6
eingeflösst oder eingerührt; das heisst, sein Kopf wird miteiner ungeheuren Anzahl von Begriffen angefüllt, die ausder höchst mittelbaren Kenntniss vergangner Zeiten undVölker, nicht aus der unmittelbaren Anschauung desLebens abgezogen sind. Seine Begierde, selbst etwas zuerfahren und ein zusammenhängend lebendiges Systemvon eignen Erfahrungen in sich wachsen zu fühlen —eine solche Begierde wird betäubt und gleichsam trunkengemacht, nämlich durch die üppige Vorspiegelung, als obes in wenig Jahren möglich sei, die höchsten und merk-würdigsten Erfahrungen alter Zeiten, und gerade dergrössten Zeiten, in sich zu summiren. Es ist ganz die-selbe wahnwitzige Methode, die unsre jungen bildendenKünstler in die Kunstkammern und Galerien führt, stattin die Werkstätte eines Meisters und vor allem in dieeinzige Werkstätte der einzigen Meisterin Natur. Ja alsob man so als flüchtiger Spaziergänger in der Historieden Vergangenheiten ihre Griffe und Künste, ihren eigent-lichen Lebensertrag absehen könnte! Ja als ob dasLeben selbst nicht ein Handwerk wäre, das aus demGrunde und stätig gelernt und ohne Schonung geübtwerden muss, wenn es nicht Stümper und Schwätzerauskriechen lassen soll! —■
Plato hielt es für nothwendig, dass die erste Gene-ration seiner neuen Gesellschaft (im vollkommnen Staate)mit der Hülfe einer kräftigen Nothlüge erzogen werde;die Kinder sollten glauben lernen, dass sie alle schoneine Zeit lang träumend unter der Erde gewohnt hätten,woselbst sie von dem Werkmeister der Natur zurecht-geknetet und geformt wären. Unmöglich, sich gegendiese Vergangenheit aufzulehnen! Unmöglich, dem Werkeder Götter entgegenzuwirken! Es soll als unverbrüch-liches Naturgesetz gelten: . wer als Philosoph geboren