Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
352
Einzelbild herunterladen
 

352

zu fragen, ob es ewig unsere Bestimmung sein müsse,Zöglinge des sinkenden Alterthums zu sein:irgend wann einmal mag es erlaubt sein, unser Zielschrittweise höher und ferner zu stecken, irgend wanneinmal sollten wir uns das - Lob zusprechen dürfen, denGeist der alexandrinisch-römischen Cultur in uns auchdurch unsre universale Historie so fruchtbringendund grossartig nachgeschaffen zu haben, um nun, alsden edelsten Lohn, uns die noch gewaltigere Aufgabestellen zu dürfen, hinter diese alexandrinische Welt zu-rück und über sie hinaus zu streben, und unsere Vor-bilder muthigen Blicks in der altgriechischen Urwelt desGrossen, Natürlichen und Menschlichen zu suchen. Dortaber finden wir auch die Wirklichkeit einerwesentlich unhistorischen Bildung und einertrotzdem oder vielmehr deswegen unsäglichreichen und lebensvollen Bildung. Wären wirDeutschen selbst nichts als Nachkommen wir könnten,indem wir auf eine solche Bildung als eine uns anzu-eignende Erbschaft blickten, gar nichts Grösseres undStolzeres sein als eben Nachkommen.

Damit soll nur dies und nichts als dies gesagt sein,dass selbst der oftmals peinlich anmuthende Gedanke,Epigonen zu sein, gross gedacht, grosse Wirkungen undein hoffnungsreiches Begehren der Zukunft, sowohl demEinzelnen als einem Volke verbürgen kann: insofern wiruns nämlich als Erben und Nachkommen classischer understaunlicher Mächte begreifen und darin unsere Ehre,unsern Sporn sehen. Nicht also wie verblasste undverkümmerte Spätlinge kräftiger Geschlechter, die alsAntiquare und Todtengräber jener Geschlechter ein frö-stelndes Leben fristen. Solche Spätlinge freilich lebeneine ironische Existenz: die Vernichtung folgt ihrem hin-