Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 

336

sie gehen sich nichts an das nennt man dann wohlauchObjectivität! Wo nun gerade das Höchste undSeltenste dargestellt werden soll, da ist das absichtlicheund zur Schau getragene Unbetheiligtsein, die hervor-gesuchte nüchtern flache Motivirungskunst geradezu em-pörend, wenn nämlich die Eitelkeit des Historikerszu dieser objectiv sich gebärdenden Gleichgültigkeit treibt.Übrigens hat man bei solchen Autoren sein Urtheilnäher nach dem Grundsätze zu motiviren, dass jeder Manngerade so viel Eitelkeit hat, als es ihm an Verstände fehlt.Nein, seid wenigstens ehrlich! Sucht nicht den Scheinder künstlerischen Kraft, die wirklich Objectivität zunennen ist, sucht nicht den Schein der Gerechtigkeit,wenn ihr nicht zu dem furchtbaren Berufe des Gerechtengeweiht seid. Als ob es auch die Aufgabe jeder Zeitwäre, gegen Alles, was einmal war, gerecht sein zumüssen! Zeiten und Generationen haben sogar niemalsRecht, Richter aller früheren Zeiten und Generationen zusein: sondern immer nur Einzelnen, und zwar den Selten-sten, fällt einmal eine so unbequeme Mission zu. Werzwingt euch denn zu richten? Und dann prüft euchnur, ob ihr gerecht sein könntet, wenn ihr es wolltet! AlsRichter müsstet ihr höher stehen als der zu Richtende;während ihr nur später gekommen seid. Die Gäste, diezuletzt zur Tafel kommen, sollen mit Recht die letztenPlätze erhalten: und ihr wollt die ersten haben? Nundann thut wenigstens das Höchste und Grösste; vielleichtmacht man euch dann wirklich Platz, auch wenn ihrzuletzt kommt.

Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwartdürft ihr das Vergangne deuten: nur in derstärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaftenwerdet ihr errathen, was in dem Vergangnen Wissens-