Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 

Experimentirens übrigens, nach Zöllner, die gegenwärtigeNaturwissenschaft leiden soll. Wenn der Werth einesDramas nur in dem Schluss- und Hauptgedanken liegensollte, so würde das Drama selbst ein möglichst weiter,ungerader und mühsamer Weg zum Ziele sein; und sohoffe ich, dass die Geschichte ihre Bedeutung nicht inden allgemeinen Gedanken, als einer Art von Blütheund Frucht, erkennen dürfe: sondern dass ihr Werthgerade der ist, ein bekanntes, vielleicht gewöhnlichesThema, eine Alltags-Melodie geistreich zu umschreiben,zu erheben, zum umfassenden Symbol zu steigern undso in dem Original-Thema eine ganze Welt von Tief-sinn, Macht und Schönheit ahnen zu lassen.

Dazu gehört aber vor Allem eine grosse künstlerischePotenz, ein schaffendes Darüberschweben, ein liebendesVersenktsein in die empirischen Data, ein Weiterdichtenan gegebnen Typen dazu gehört allerdings Objectivität,aber als positive Eigenschaft. So oft aber ist Objectivitätnur eine Phrase. An Stelle jener innerlich blitzenden,äusserlich unbewegten und dunklen Ruhe des Künstler-auges tritt die Affectation der Ruhe; wie sich der Mangelan Pathos und moralischer Kraft als schneidende Kälteder Betrachtung zu verkleiden pflegt. In gewissen Fällenwagt sich die Banalität der Gesinnung, die Jedermanns-Weisheit, die nur durch ihre Langweiligkeit den Eindruckdes Ruhigen, Unaufgeregten macht, hervor, um für jenenkünstlerischen Zustand zu gelten, in welchem das Subjectschweigt und völlig unbemerkbar wird. Dann wird Alleshervorgesucht, was überhaupt nicht aufregt, und dastrockenste Wort ist gerade recht. Ja man geht so weit,anzunehmen, dass der, den ein Moment der Vergangenheitgar nichts angehe, berufen sei, ihn darzustellen. Soverhalten sich häufig Philologen und Griechen zu einander: