Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
323
Einzelbild herunterladen
 

323

liehen Uniformität gelehrter Monolog des einsamen Spa-ziergängers, zufällige Jagdbeute des Einzelnen, verborgenesStubengeheimniss oder ungefährliches Geschwätz zwischenakademischen Greisen und Kindern. Niemand darf eswagen, das Gesetz der Philosophie an sich zu erfüllen,Niemand lebt philosophisch, mit jener einfachen Mannes-treue, die einen Alten zwang, wo er auch war, was er auchtrieb, sich als Stoiker zu gebärden, falls er der Stoa ein-mal Treue zugesagt hatte. Alles moderne Philosophirenist politisch und polizeilich, durch Regierungen, Kirchen,Akademien, Sitten und Feigheiten der Menschen auf dengelehrten Anschein beschränkt: es bleibt beim Seufzen„wenn doch“ oder bei der Erkenntniss „es war einmal“.Die Philosophie ist innerhalb der historischen Bildung ohneRecht, falls sie mehr sein will, als ein innerlich zurück-gehaltenes Wissen ohne Wirken; wäre der moderne Menschüberhaupt nur muthig und entschlossen, wäre er nichtselbst in seinen Feindschaften nur ein innerliches Wesen:er würde sie verbannen; so begnügt er sich, ihre Nuditätschamhaft zu verkleiden. Ja, man denkt, schreibt, druckt,spricht, lehrt philosophisch, — so weit ist ungefähr Alleserlaubt, nur im Handeln, im sogenannten Leben ist esanders: da ist immer nur Eins erlaubt und alles Andreeinfach unmöglich: so will’s die historische Bildung.Sind das noch Menschen, fragt man sich dann, odervielleicht nur Denk-, Schreib- und Redemaschinen?

Goethe sagt einmal von Shakespeare: „Niemand hatdas materielle Kostüme mehr verachtet als er; er kenntrecht gut das innere Menschen-Kostüme, und hier gleichensich Alle. Man sagt, er habe die Römer vortrefflich dar-gestellt; ich finde es nicht; es sind lauter eingefleischteEngländer, aber freilich Menschen sind es, Menschen vonGrund aus, und denen passt wohl auch die römische

21