321
sein Verstehen kindischer als das Kind und einfältigerals die Einfalt — trotz der vielen schlauen Fältchenseiner pergamentnen Züge und der virtuosen Übungseiner Finger, das Verwickelte aufzuwickeln. Das macht:er hat seinen Instinct vernichtet und verloren, er kannnun nicht mehr, dem „göttlichen Thiere“ vertrauend,die Zügel hängen lassen, wenn sein Verstand schwanktund sein Weg durch Wüsten führt. So wird das, In-dividuum zaghaft und unsicher und darf sich nichtmehr glauben: es versinkt in sich selbst, in’s Inner-liche, das heisst hier nur: in den zusammen gehäuftenWust des Erlernten, das nicht nach aussen wirkt, derBelehrung, die nicht Leben wird. Sieht man einmalauf’s Äusserliche, so bemerkt man, wie die Austreibungder Instincte durch Historie die Menschen fast zu lauteraistractis und Schatten umgeschaffen hat: keiner wagtmehr seine Person daran, sondern maskirt sich als ge-bildeter Mann, als Gelehrter, als Dichter, als Politiker.Greift man solche Masken an, weil man glaubt, es seiihnen Ernst, und nicht bloss um ein Puppenspiel zuthun — da sie allesammt den Ernst affichiren — sohat man plötzlich nur Lumpen und bunte Flicken inden Händen. Deshalb soll man sich nicht mehr täu-schen lassen, deshalb soll man sie anherrschen: „ziehteure Jacken aus oder seid, was ihr scheint.“ Es sollnicht mehr jeder Ernsthafte von Geblüt zu einem DonQuixote werden, da er Besseres zu thun hat, als sichmit solchen vermeintlichen Realitäten herumzuschlagen.Jedenfalls aber muss er scharf hinsehen, bei jeder Maskesein „Halt Werda!“ rufen und ihr die Larve in denNacken ziehen.' Sonderbar! Man sollte denken, dass dieGeschichte die Menschen vor Allem ermuthigte, ehr-lich zu sein — und wäre es selbst, ein ehrlicher Narr
Nietzsche, Werke Band I.
21