3i5
Angst vor dem Worte Convention und auch wohl vorder Sache Convention haben. In dieser Angst verliessder Deutsche die Schule der Franzosen: denn er wolltenatürlicher und dadurch deutscher werden. Nun scheinter sich aber in diesem „Dadurch“ verrechnet zu haben:aus der Schule der Convention entlaufen, liess er sichnun gehen, wie und wohin er eben Lust hatte, und machteim Grunde schlottericht und beliebig in halber "Vergess-lichkeit nach, was er früher peinlich und oft mit Glücknachmachte. So lebt man, gegen frühere Zeiten ge-rechnet, auch heute noch in einer bummelig incorrectenfranzösischen Convention: wie all unser Gehen, Stehen,Unterhalten, Kleiden und Wohnen anzeigt. Indem manzum Natürlichen zurückzufliehen glaubte, erwählte mannur das Sichgehenlassen, die Bequemlichkeit und dasmöglichst kleine Maass von Selbstüberwindung. Mandurchwandere eine deutsche Stadt — alle Convention,verglichen mit der nationalen Eigenart ausländischerStädte, zeigt sich im Negativen, alles ist farblos, ab-gebraucht, schlecht copirt, nachlässig, jeder treibt es nachseinem Belieben, aber nicht nach einem kräftigen, ge-dankenreichen Belieben, sondern nach den Gesetzen, dieeinmal die allgemeine Hast und sodann die allgemeineBequemlichkeits-Sucht vorschreiben. Ein Kleidungsstück,dessen Erfindung kein Kopfzerbrechen macht, dessenAnlegung keine Zeit kostet, also ein aus der Fremde ent-lehntes und möglichst lässlich nachgemachtes Kleidungs-stück, gilt bei den Deutschen sofort als ein Beitrag zurdeutschen Tracht. Der Formensinn wird von ihnen ge-radezu ironisch abgelehnt, — denn man hat ja denSinn des Inhaltes: sind sie doch das berühmte Volkder Innerlichkeit.
Nun giebt es aber auch eine berühmte Gefahr dieser