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1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
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das die Treue gegen seine Vorzeit verloren hat undeinem rastlosen kosmopolitischen Wählen und Suchennach Neuem und immer Neuem preisgegeben ist. Dieentgegengesetzte Empfindung, das Wohlgefühl des Baumesan seinen Wurzeln, das Glück, sich nicht ganz willkürlichund zufällig zu wissen, sondern aus einer Vergangenheitals Erbe, Blüthe und Frucht herauszuwachsen und da-durch in seiner Existenz entschuldigt, ja gerechtfertigtzu werden dies ist es, was man jetzt mit Vorliebe alsden eigentlich historischen Sinn bezeichnet.

Das ist nun freilich nicht der Zustand, in dem derMensch am meisten befähigt wäre, die Vergangenheitin reines Wissen aufzulösen; so dass wir auch hier wahr-nehmen, was wir bei der monumentalischen Historie wahr-genommen haben, dass die Vergangenheit selbst leidet,so lange die Historie dem Leben dient und von Lebens-trieben beherrscht wird. Mit einiger Freiheit des Bildesgesprochen: der Baum fühlt seine Wurzeln mehr, als dasser sie sehen könnte: dies Gefühl aber misst ihre Grössenach der Grösse und Kraft seiner sichtbaren Aste. Magder Baum schon darin irren: wie wird er erst über denganzen Wald um sich herum im Irrthum sein! von demer nur soweit etwas weiss und fühlt, als dieser ihn selbsthemmt oder selbst fördert aber nichts ausserdem. Derantiquarische Sinn eines Menschen, einer Stadtgemeinde,eines ganzen Volkes hat immer ein höchst beschränktesGesichtsfeld; das Allermeiste nimmt er gar nicht wahr, unddas Wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isolirt;er kann es nicht messen und nimmt deshalb alles als gleichwichtig und deshalb jedes Einzelne als zu wichtig. Danngiebt es für die Dinge der Vergangenheit keine Werth-verschiedenheiten und Proportionen, die den Dingen untereinander wahrhaft gerecht würden; sondern immer nur

Nietzsche, Werke Band I.

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