— 3°4 —
schriebenen Vergangenheit, ein rasches Verstehen derPalimpseste, ja Polypseste — das sind seine Gaben undTugenden. Mit ihnen stand Goethe vor dem DenkmaleErwin’s von Steinbach; in dem Sturme seiner Empfin-dung zerriss der historische, zwischen ihnen ausgebreiteteWolkenschleier: er sah das deutsche Werk zum erstenMale wieder, „wirkend aus starker rauher deutscherSeele“. Ein solcher Sinn und Zug führte die Italiäner derRenaissance und erweckte in ihren Dichtern den antikenitalischen Genius von Neuem, zu einem „wundersamenWeiterklingen des uralten Saitenspiels“, wie Jacob Burck-hardt sagt. Den höchsten Werth hat aber jener historisch-antiquarische Verehrungssinn, wo er über bescheidne,rauhe, selbst kümmerliche Zustände, in denen ein Menschoder ein Volk lebt, ein einfaches rührendes Lust- undZufriedenheits-Gefühl verbreitet; wie zum Beispiel Niebuhrmit ehrlicher Treuherzigkeit eingesteht, in Moor undHaide unter freien Bauern, die eine Geschichte haben,vergnügt zu leben und keine Kunst zu vermissen. Wiekönnte die Historie dem Leben besser dienen, als da-durch, dass sie auch die minder begünstigten Geschlechterund Bevölkerungen an ihre Heimat und Heimatsitte an-knüpft, sesshaft macht und sie abhält, nach dem Besserenin der Fremde herum zu schweifen und um dasselbewetteifernd zu kämpfen? Mitunter sieht es wie Eigensinnund Unverstand aus, was den Einzelnen an diese Ge-sellen und Umgebungen, an diese mühselige Gewohnheit,an diesen kahlen Bergrücken gleichsam festschraubt, —aber es ist der heilsamste und der Gesammtheit förder-lichste Unverstand: wie Jeder weiss, der sich die furcht-baren Wirkungen abenteuernder Auswanderungslust, etwagar bei ganzen Völkerschwärmen, deutlich gemacht hat,oder der den Zustand eines Volkes in der Nähe sieht,