Die Geschichte gehört also zweitens dem Bewah-renden und Verehrenden, dem, der mit Treue und Liebedorthin zurückblickt, woher er kommt, worin er gewordenist; durch diese Pietät trägt er gleichsam den Dank fürsein Dasein ab. Indem er das von Alters her Bestehendemit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen,unter denen er entstanden ist, für solche bewahren,welche nach ihm entstehen sollen, — und so dient er demLeben. Der Besitz von Urväter-Hausrath verändert ineiner solchen Seele seinen Begriff: denn sie wird viel-mehr von ihm besessen. Das Kleine, das Beschränkte,das Morsche und Veraltete erhält seine eigne Würdeund Unantastbarkeit dadurch, dass die bewahrende undverehrende Seele des antiquarischen Menschen in dieseDinge übersiedelt und sich darin ein heimisches Nestbereitet. Die Geschichte seiner Stadt wird ihm zur Ge-schichte seiner selbst; er versteht die Mauer, das ge-thürmte Thor, die Rathsverordnung, das Volksfest wieein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet sichselbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seineLust, sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hierliess es sich leben, sagt er sich, denn es lässt sich leben;hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zäh undnicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit diesem„Wir“, über das vergängliche wunderliche Einzellebenhinweg und fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts-und Stadtgeist. Mitunter grüsst er selbst über weiteverdunkelnde und verwirrende Jahrhunderte hinweg dieSeele seines Volkes als seine eigne Seele; ein Hindurch-fühlen und Herausahnen, ein Wittern auf fast verlöschtenSpuren, ein instinctives Richtig-Lesen der noch so über-
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1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
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303
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