299
das heisst jedes Factum in seiner genau geschildertenEigenthümlichkeit und Einzigkeit begehren: wahrschein-lich also nicht eher, als bis die Astronomen wieder zuAstrologen geworden sind. Bis dahin wird die monu-mentale Historie jene volle Wahrhaftigkeit nicht brauchenkönnen: immer wird sie das Ungleiche annähern, ver-allgemeinern und endlich gleichsetzen; immer wird siedie Verschiedenheit der Motive und Anlässe abschwä-chen, um auf Kosten der cciusae die effectus monu-mental, nämlich vorbildlich und nachahmungswürdig, hin-zustellen: so dass man sie, weil sie möglichst von denUrsachen absieht, mit geringer Übertreibung eineSammlung der „Effecte an sich“ nennen könnte, als vonEreignissen, die zu allen Zeiten Effect machen werden.Das, was bei Volksfesten, bei religiösen oder krieger-ischen Gedenktagen gefeiert wird, ist eigentlich einsolcher „Effect an sich“: er ist es, der die Ehrgeizigennicht schlafen lässt, der den Unternehmenden wie einAmulet am Herzen liegt, nicht aber der wahrhaftgeschichtliche Connexus von Ursachen und Wirkungen,der, vollständig erkannt, nur beweisen würde, dass niewieder etwas durchaus Gleiches bei dem Würfelspieleder Zukunft und des Zufalls herauskommen könne.
So lange die Seele der Geschichtschreibung in dengrossen Antrieben liegt, die ein Mächtiger aus ihr ent-nimmt, so lange die Vergangenheit als nachahmungs-würdig, als nachahmbar und zum zweiten Male möglichbeschrieben werden muss, ist sie jedenfalls in der Gefahr,etwas verschoben, in’s Schönere umgedeutet und damitder freien Erdichtung angenähert zu werden; ja es giebtZeiten, die'zwischen einer monumentalischen Vergangen-heit und einer mythischen Fiction gar nicht zu unter-scheiden vermögen: weil aus der einen Welt genau