289
Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen:aber in einem Übermaasse von Historie hört der Menschwieder auf, und ohne jene Hülle des Unhistorischen würdeer nie angefangen haben und anzufangen wagen. Wofinden sich Thaten, die der Mensch zu thun vermöchte,ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen ein-gegangen zu sein ? Oder um die Bilder bei Seite zu lassenund zur Illustration durch das Beispiel zu greifen: manvergegenwärtige sich doch einen Mann, den eine heftigeLeidenschaft, für ein Weib oder für einen grossen Ge-danken, herumwirft und fortzieht; wie verändert sich ihmseine Welt! Rückwärts blickend fühlt er sich blind,seitwärts hörend vernimmt er das Fremde wie einendumpfen bedeutungsleeren Schall; was er überhauptwahrnimmt, das nahm er noch nie so wahr, so fühlbarnah, gefärbt, durchtönt, erleuchtet, als ob er es mit allenSinnen zugleich ergriffe. Alle Werthschätzungen sindverändert und entwerthet; so vieles vermag er nichtmehr zu schätzen, weil er es kaum mehr fühlen kann:er fragt sich, ob er so lange der Narr fremder Worte,fremder Meinungen gewesen sei; er wundert sich, dasssein Gedächtniss sich unermüdlich in einem Kreise drehtund doch zu schwach und müde ist, um nur einen ein-zigen Sprung aus diesem Kreise heraus zu machen. Esist der ungerechteste Zustand von der Welt, eng, un-dankbar gegen das Vergangne, blind gegen Gefahren,taub gegen Warnungen, ein kleiner lebendiger Wirbelin einem todten Meere von Nacht und Vergessen: unddoch ist dieser Zustand — unhistorisch, widerhistorischdurch und durch — der Geburtsschooss nicht nur einer un-gerechten, sondern vielmehr jeder rechten That; und keinKünstler wird sein Bild, kein Feldherr seinen Sieg, keinVolk seine Freiheit erreichen, ohne sie in einem derartig
Nietzsche, Werke Band I.
19