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Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht dermythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Ver-gangenheiten und sucht grabend und wühlend nachWurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alter-thümern nach ihnen graben müsste. Worauf weist dasungeheure historische Bedürfniss der unbefriedigten mo-dernen Cultur, das Umsichsammeln zahlloser andererCulturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nichtauf den Verlust des Mythus, auf den Verlust dermythischen Heimath, des mythischen Mutterschoosses ?Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimlicheSichregen dieser Cultur etwas Anderes ist als dasgierige Zugreifen und Nach-Nahrung-Haschen des Hun-gernden — und wer möchte einer solchen Cultur nochetwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt,nicht zu sättigen ist und bei deren Berührung sich diekräftigste, heilsamste Nahrung in „Historie und Kritik“zu verwandeln pflegt?
Man müsste auch an unserem deutschen Wesenschmerzlich verzweifeln, wenn es bereits in gleicherWeise mit seiner Cultur unlösbar verstrickt, ja Eins ge-worden wäre, wie wir das an dem civilisirten Frankreichzu unserem Entsetzen beobachten können; und das, waslange Zeit der grosse Vorzug Frankreichs und die Ur-sache seines ungeheuren Übergewichts war, eben jenesEinssein von Volk und Cultur, dürfte uns, bei diesemAnblick, nöthigen, darin das Glück zu preisen, dassdiese unsere so fragwürdige Cultur bis jetzt mit demedeln Kerne unseres Volkscharakters nichts gemein hat.Alle unsere Hoffnungen strecken sich vielmehr sehn-suchtsvoll nach jener Wahrnehmung aus, dass unterdiesem unruhig auf und nieder zuckenden Culturlebenund Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde,
Nietzsche, "Werke Band I. XI