Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

sprüngliches Eigenthum der gesammten arischen Völker-gemeinde und ein Document für deren Begabung zumTiefsinnig-Tragischen, ja es möchte nicht ohne Wahr-scheinlichkeit sein, dass diesem Mythus für das arischeWesen eben dieselbe charakteristische Bedeutung inne-wohnt, die der Sündenfallmythus für das semitische hat,und dass zwischen beiden Mythen ein Verwandtschaftsgradexistirt, wie zwischen Bruder und Schwester. Die Voraus-setzung jenes Prometheusmythus ist der überschwäng-liche Werth, den eine naive Menschheit dem Feuer bei-legt als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Cultur:dass aber der Mensch frei über das Feuer waltet und esnicht nur durch ein Geschenk vom Himmel, als zünden-den Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand, empfängt,erschien jenen beschaulichen XJr-Menschen als ein Frevel,als ein Raub an der göttlichen Natur. Und so stelltgleich das erste philosophische Problem einen peinlichenunlösbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hinund rückt ihn wie einen Felsblock an die Pforte jederCultur. Das Beste und Höchste, dessen die Menschheittheilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevelund muss nun wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlichdie ganze Fluth von Leiden und von Kümmernissen,mit denen die beleidigten Himmlischen das edel empor-.strebende Menschengeschlecht heimsuchen müssen:ein herber Gedanke, der durch die Würde, die er demFrevel ertheilt, seltsam gegen den semitischen Sünden-fallmythus absticht, in welchem die Neugierde, dielügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die Lüstern-heit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affectionenals der Ursprung des Übels angesehen wurde. Das, wasdie arische Vorstellung auszeichnet, ist die erhabeneAnsicht von der activen Sünde als der eigentlich

i