Jene künstlerische Urerscheinung, die wir hier zurErklärung des Tragödienchors zur Sprache bringen, 'ist,bei unserer gelehrtenhaften Anschauung über die elemen-taren künstlerischen Prozesse, fast anstössig; währendnichts ausgemachter sein kann, als dass der Dichter nurdadurch Dichter ist, dass er von Gestalten sich umringtsieht, die vor ihm leben und handeln und in dereninnerstes Wesen er hineinblickt. Durch eine eigen-thümliche Schwäche der modernen Begabung sind wirgeneigt, uns das ästhetische Urphänomen zu complicirtund abstract vorzustellen. Die Metapher ist für denächten Dichter nicht eine rhetorische Figur, sondern einstellvertretendes Bild, das ihm wirklich, an Stelle einesBegriffes, vorschwebt. Der Charakter ist für ihn nichtetwas aus zusammengesuchten Einzelzügen componirtesGanzes, sondern eine vor seinen Augen aufdringlichlebendige Person, die von der gleichen Vision des Malerssich nur durch das fortwährende Weiterleben und Weiter-handeln unterscheidet. Wodurch schildert Homer so vielanschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehranschaut. Wir reden über Poesie so abstract, weil wiralle schlechte Dichter zu sein pflegen. Im Grunde istdas ästhetische Phänomen einfach; man habe nur dieFähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen undimmerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so istman Dichter; man fühle nur den Trieb, sich selbst zuverwandeln und aus anderen Leibern und Seelen heraus-zureden, so ist man Dramatiker.
Die dionysische Erregung ist im Stande, einer ganzenMasse diese künstlerische Begabung mitzutheilen, sichvon einer solchen Geisterschaar umringt zu sehen, mitder sie sich innerlich Eins weiss. Dieser Prozess desTragödienchors ist das dramatische Urphänomen: sich